Hermeneutische Wahrscheinlichkeit in der Frühen Neuzeit

Bearbeitung: Lutz Danneberg, Carlos Spoerhase, Dirk Werle

Die Fachtagung „Unsicheres Wissen in der Frühen Neuzeit“ galt der Untersuchung der epistemologischen und methodologischen Dimensionen des Umgangs mit Gewissheitsverlusten und -mängeln in den frühneuzeitlichen Wissenschaften. Das Tagungsprogramm zielte auf die Untersuchung der Beziehung von Formen des Skeptizismus und Theorien der Wahrscheinlichkeit im Zeitraum von 1500 bis 1800 und sollte die Erschließung von Konzeptualisierungen ‚unsicheren‘ oder ‚schwachen‘ Wissens erlauben. Dabei sollten die einschlägigen großen Narrative vornehmlich angloamerikanischer Provenienz überprüft werden.

I. Ausgangspunkt

Im Rahmen der frühneuzeitlichen Erkenntnistheorie und Methodologie schälen sich unterschiedliche Konzeptionen eines unsicheren Wissens heraus, die sich auch für die „wissenschaftliche Revolution“ im 17. Jahrhundert als maßgeblich erweisen. Dieses unsichere Wissen, das unter anderem als „moralische Gewissheit“, „Wahrscheinlichkeit“ oder als gemäßigte bzw. „konstruktive“ Skepsis ausformuliert wird, stellt eine Rationalitätsform dar, die ohne absolute Gewissheitsansprüche auskommt. Im Zuge der Etablierung dieser neuen Rationalitätsform wird die streng disjunktive epistemische Dichotomie von Wissen/Meinung von epistemischen Trichotomien oder von einer mehr oder weniger homogenen Stufenleiter epistemischer Wahrscheinlichkeitsgrade abgelöst. In jedem Fall wird neben der apodiktischen Gewissheit, die nunmehr allenfalls in der Mathematik und der Metaphysik ihren Ort hat, eine Form des ‚schwachen‘ Wissens anerkannt, die keine absolute Gewissheit herzustellen vermag. Die Tagung Unsicheres Wissen in der Frühen Neuzeit richtete sich an der These aus, dass diese Theorien ‚schwachen‘ Wissens nur dann angemessen gewürdigt werden können, wenn neben den naturphilosophischen und erkenntnistheoretischen Dimensionen des frühneuzeitlichen Wissens auch die Methodenlehren der Zeichen und Zeugnisse interpretierenden Wissenschaften herangezogen werden. Die wissenshistorischen Fragen nach der epistemologischen Valenz sowie dem ideenhistorischen Zusammenhang von Wahrscheinlichkeit und Skeptizismus in den frühneuzeitlichen Wissenschaften sollten durch einen interdisziplinären Zugriff geklärt werden, der gleichermaßen Forschungsergebnisse der Philosophie, der Historiographie und der diversen Philologien berücksichtigt.

II. Skeptizismus

Das erste Tagungspanel umfasste Fragestellungen zum frühneuzeitlichen Skeptizismus und wurde mit einem Beitrag von Dominik Perler (Berlin) eingeleitet, der ausgehend von einer Analyse des Cartesischen „Vermögensskeptizismus“ zeigte, dass Descartes’ Kritik eines umfassenden Vermögensskeptizismus zwei Arten von Wissen ermöglicht: absolut sicheres Wissens, dass auf „metaphysischer Gewissheit“ beruht und unsicheres Wissen, dass auf „moralischer Gewissheit“ gründet; Descartes geht es, wie Perler zeigte, nicht um eine globale Zurückweisung des unsicheren Wissens, sondern um eine sorgfältige Abgrenzung dieses ‚schwachen‘ Wissens von sicherem Wissen. Max Bergengruen (Basel) rekonstruierte unterschiedliche Versuche, die Herkunft von zentralen „Gedankenfiguren“ in Descartes Meditationes und Recherche de la verité zu klären. Zu den drei Gedankenfiguren Descartes’, die Bergengruen untersuchte (Wahnsinn, Traum, genius malignus), wurden Parallelen in Johann Weyers De praestigiis daemonum aufgezeigt: Bergengruen hob hervor, dass Descartes’ und Weyers Konzeptionen der (dämonischen) Wahrnehmungstäuschung weitgehende Ähnlichkeiten aufweisen. Markus Wild (Berlin) arbeitete in seinem Beitrag zu Montaignes Hermeneutik heraus, dass Montaigne einen hermeneutischen Skeptizismus vertritt, der den Sinnzweifel auf das Verstehen von Texten und Personen ausweitet, wobei der globalisierte Zweifel am Personenverstehen sogar das Selbstverstehen umfasst. Im Anschluss an seine Darstellung der Montaigne’schen hermeneutischen Skepsis skizzierte Wild, welche Konsequenzen diese Skepsis für Montaignes Kritik des Experten hat. Verena Lobsien (Berlin) situierte Thomas Browne’s Religio Medici im Feld des frühneuzeitlichen Skeptizismus und Probabilismus; dabei zeigte sie die Kombination von hermetischen und skeptizistischen Topoi in der Schreibweise des Norwicher Arztes und Antiquars auf.

Sandra Pott (London) zeigte in ihren Beitrag, dass die Skepsisaffinität der Lehre von der Erkenntnis des Schönen bereits vor dem Beginn der Ästhetik, wie sie aus der Wolff-Schule bekannt ist, von Jean-Pierre de la Crousaz beschrieben wurde. Pott zeigte, wie in Crousaz’ Traité du beau Aspekte seiner mathematischen und antiskeptischen Überlegungen zusammenfließen und die Ästhetik avant la lettre als Suche nach ‚sicherem‘ Wissen vom Schönen konzipiert wird. Dirk Werle (Leipzig) untersuchte in seinem Beitrag das Verhältnis von Skeptizismus und Enzyklopädistik im 17. Jahrhundert. Anhand einer eingehenden Analyse dieses Verhältnisses bei Gabriel Naudé und Pierre Bayle machte Werle deutlich, dass Skeptizismus und Enzyklopädistik durchaus nicht als gegenläufige Phänomene beschrieben werden müssen: Der Skeptizismus kann einerseits die Enzyklopädistik hervorbringen, die Enzyklopädistik kann andererseits in den Skeptizismus führen bzw. kann eine eigenständige Form des Skeptizismus sein. Sabrina Ebbersmeyer (München) befasste sich in ihrem Beitrag mit den Formen des Skeptizismus im Werk von Pierre Daniel Huet und konzentrierte sich in diesem Zusammenhang auf die Kritik, die Huet u. a. in Censura philosophiae Cartesianae an René Descartes übt. Andreas Urs Sommer (Greifswald) machte in seinem Vortrag auf die Zusammenhänge zwischen historischem Pyrrhonismus und spekulativ-universalistischer Geschichtsphilosophie aufmerksam; er befasste sich mit der Frage, ob die durch historische Skepsis mitverursachte Infragestellung heilsgeschichtlicher Sicherheiten eine Voraussetzung für die Entstehung der Geschichtsphilosophie im 18. Jahrhundert gewesen ist. Markus Völkel (Rostock) widmete sich dem historiographischen Problem, wie sich die Zuverlässigkeit fremden Glaubens (fides aliena) bestätigen lässt. In seinem Beitrag, der rhetorische Fragestellungen mit epistemologischen verband, stellte er einerseits heraus, welche Probleme sich aus historiographischer Perspektive ergeben, wenn die Zuverlässigkeit des Zeugnisses anderer Personen beurteilt werden soll; Völkel arbeitete andererseits an Beispielen heraus, welche Strategien der Selbstbeglaubigung frühneuzeitlichen Autoren wählen, um die Zuverlässigkeit ihrer Zeugnisse schriftlich zu kommunizieren.

III. Wahrscheinlichkeit

Das zweite Panel umfasste Fragestellungen zu frühneuzeitlichen Wahrscheinlichkeitskonzeptionen und wurde mit einem Beitrag von Ian Maclean (Oxford) eröffnet, der sich um eine Rekonstruktion der diversen Pariser Debatten über Methode, Gewisseit und Demonstration im 16. Jahrhundert bemühte. Maclean konnte in seinem Beitrag deutlich machen, wie vielfältig die Verwendung von Wahrscheinlichkeitskonzeptionen allein im Frankreich des 16. Jahrhunderts ist: probabilitas bezieht sich häufig auf verschiedene Formen nicht-deduktiven, von komplexen, unvollständigen oder ungewissen Belegmengen ausgehenden Schließens; „Wahrscheinlichkeit“ kann sich aber ebenso auf die relative Häufigkeit von Ereignissen und das relative Gewicht von konkurrierenden Hypothesen beziehen, wie auf die Fehleranfälligkeit, Inexaktheit, Approximativität oder den Präsumtionscharakter von Wissensansprüchen; schließlich ist zu diesem Zeitpunkt „Wahrscheinlichkeit“ noch in ihrer aristotelischen Bedeutung als autoritativ verbürgte Mehrheits- bzw. Expertenmeinung präsent. Oliver R. Scholz (Münster) rekonstruierte eine zentrale Dimension der Wahrscheinlichkeitsproblematik anhand von frühneuzeitlichen Lehren des Testimoniums. Anhand der erkenntnistheoretischen Behandlung des Zeugnisses anderer Personen in den Logiken von Jungius, Arnauld und August Cruisius machte er deutlich, dass die dortige Verwendung von Zahlenwerten für die Wahrscheinlichkeit eines Testimoniums meist nicht als Quantifizierungsbemühung gedeutet werden darf, sondern sich oft lediglich illustrierenden und didaktischen Intentionen verdankt. Sven K. Knebel (Berlin) untersuchte die Gewissheitskonzeptionen im Glaubenstraktat der Jesuitenscholastik im 16. und 17. Jahrhundert und konzentrierte sich dabei auf die scholastische Debatte um die Univozität des Gewissheitsbegriffs. Wie er herausarbeitete, stellte die Frage, ob für die katholische Glaubensgewisstheit und die Gewissheit aufgrund logischer Evidenz der gleiche Gewissheitsbegriff in Anschlag zu bringen sei, für die scholastische Gewissheitssemantik eine große Herausforderung dar; Knebel stellte die Antwort Rodrigo de Arriagas auf diese Herausforderung vor. Rudolf Schüßler (Bayreuth) machte in seinem Beitrag auf das Problem des willentlichen Meinens im scholastischen Probabilismus aufmerksam. Ausgehend von Ignacio de Camargos Überblicksdarstellung aus dem 18. Jahrhundert untersuchte Schüßler die scholastische Diskussion über die Frage, ob es möglich und legitim sei, eine Auffassung willentlich zu vertreten, die unter rein epistemischen Gesichtspunkten einer konkurrierenden Auffassung unterlegen ist. Schüßler konnte ihn seinem Vortrag zeigen, dass Fragen des „Willens zur Meinung“, die gegenwärtig auch unter dem Titel einer epistemischen Ethik (virtue epistemology) diskutiert werden, bereits in der Spätscholastik mit wichtigen Differenzierungsgewinnen untersucht wurden.

Lutz Danneberg (Berlin) bot einen historischen Überblick zu Konzeptionen der Wahrscheinlichkeit im Bereich der Methodenlehre der textinterpretierenden Disziplinen und skizzierte, wie in der frühen Neuzeit Konzeptionen hermeneutischer Approximation als Lösungsversuche für die von einem pyrrhonismus hermeneuticus aufgeworfene Problemkonstellationen entwickelt wurden. Wie Danneberg deutlich machte, besteht das Problem, wie hermeneutische Rationalität ohne Gewissheitsansprüche zu konstruieren ist, bis in die Gegenwart; die aktuelle Diskussion über hermeneutische Wahrscheinlichkeit kann von einer Auseinandersetzung mit den frühneuzeitlichen Theoretisierungsversuchen durchaus profitieren. Axel Horstmann (Hannover) konnte zeigen, dass die Frage, welcher Gewissheitsstatus von den Wissensansprüchen der textinterpretierenden Wissenschaften beansprucht werden darf, noch im 19. Jahrhundert in den Methodenlehren der Klassischen Philologie diskutiert wird. Ausgehend von August Boeckhs Konzeption der Philologie als „Erkenntnis des Erkannten“ stellte Horstmann die Boeckh’schen Modi philologischer Erkenntnis („Evidenz“ und „Wahrscheinlichkeit“) vor und situierte sie im Rahmen der allgemeinen Wissenschaftskonzeption des Altertumswissenschaftlers. Cornelis Menke (Berlin) rekonstruierte die ersten frühneuzeitlichen Versuche, die Wahrscheinlichkeit des Wissens von historischen Ereignissen zu quantifizieren. Menke machte im Anschluss an seine Darstellung der Quantifizierungsversuche von Mathematikern wie Craig, Laplace, Poisson und Babbage auf grundsätzliche Probleme der Quantifizierung der Wahrscheinlichkeit des Wissens von historischen Ereignissen aufmerksam und verband diese Problematisierung mit einer Analyse frühneuzeitlicher Bemühungen, die Wahrscheinlichkeit des Wissens von Wundern zu bestimmen.

IV. Verbindungslinien

In den das Vortragsprogramm begleitenden Diskussionsrunden, die einer weiterführenden Synthetisierung der Tagungsergebnisse galten, wurde unterstrichen, dass die Frage nach epistemischer Sicherheit oder Unsicherheit ein zentrales movens der frühneuzeitlichen Auseinandersetzung mit Wissen ist. Die Thematisierung und Problematisierung von unsicherem Wissen findet sich u. a. in der Theologie (Knebel, Schüßler, Pott), der Medizin (Maclean), in der Mathematik (Menke), in der Philosophie (Scholz, Perler, Wild, Ebbersmeyer), in der Hermeneutik (Danneberg, Horstmann), in der Geschichtswissenschaft (Sommer, Völkel) und in den belles lettres (Bergengruen, Lobsien, Werle). Weitere Disziplinen, wie z. B. die Rechtswissenschaft, wären im Rahmen ausgedehnterer Forschungsbemühungen zu ergänzen. Wenn man grundsätzlich an der Zuverlässigkeit oder Sicherheit von Wissensansprüchen zweifelt, dann resultiert daraus eine skeptische Haltung gegenüber diesen Wissensansprüchen. Dieser Haltung kann man mit Konzeptionen begegnen, die nicht mehr die Wahrheit, sondern die Wahrscheinlichkeit der in Frage stehenden Wissensansprüche behaupten und über Konjekturen und Vermutungen zu hinreichenden Modi des Wissens zu gelangen versuchen. Skepsis und Wahrscheinlichkeit sind mithin zwei Schlüsselbegriffe für die Thematisierung von und den Umgang mit Formen unsicheren Wissens. Die frühneuzeitlichen Konzeptionen der Wahrscheinlichkeit können, so ein Fazit der Tagung, als ein Versuch bestimmt werden, mit der Herausforderung des Skeptizismus konstruktiv umzugehen.

Carlos Spoerhase, Dirk Werle und Markus Wild (Hg.), Unsicheres Wissen. Skeptizismus und Wahrscheinlichkeit, 1550-1850. Berlin/New York 2009.

darin: Lutz Danneberg, Pyrrhonismus hermeneuticus, probabilitas hermeneutica und hermeneutische Approximation; wesentliche erweiterte Version vom 08. 02. 2017.

Carlos Spoerhase: A case against skepticism: On Christian August Crusius’ logic of hermeneutical probability. In: History of European Ideas 36 (2010), S. 251–259. Online: doi:10.1016/j.histeuroideas.2009.10.002

Kontakt: Carlos SpoerhaseDirk WerleLutz Danneberg