Goethe als Naturwissenschaftler im Streit um den Wissenschaftsbegriff

Bearbeitung: Lutz Danneberg, Franziska Bomski, Alexandra Skowronski

In diesem Projekt wird erstens untersucht, wie Naturwissenschaftler (gemeinsam mit Philosophen) in den veränderten epistemischen Situationen und Wissenschaftskonstellationen seit dem 19. Jahrhundert Goethes naturwissenschaftliches Werk – sei es emphatisch, sei es mehr oder weniger kritisch oder sogar strikt ablehnend – wahrgenommen haben.

Zweitens geht es um spezifische Züge der immer kontroversen Diskussion sowie der Instrumentalisierung seiner naturwissenschaftlichen und wissenschaftsphilosophischen Ansichten, und zwar im Zuge seiner nationalen Autorisierung als Grundlage, um darauf in seinem Namen ein anhaltendesargumentum ab auctoritate zu begründen. Dabei entsteht gleichsam ein Einheitssymbol, das die Kluft zwischen den sog. ,zwei Kulturen’ zu überwinden verspricht. Durch spezielle Mittel der Darstellung, etwa der Verknüpfung seiner Biographie mit seiner Wissenschaft, gewinnt Goethe eine überragende kulturelle Ausstrahlung, die in allen Bereichen eine Autoritätsentlehnung (das ,passende’ Goethe-Zitat) erlaubt und gleichermaßen zugänglich ist für die widerstreitendsten Ansichten.

Drittens geht es um die Versuche, Aspekte eines ,alternativen’ Wissenschaftsbegriffs durch den Rückgriff auf Goethe als Naturwissenschaftler zu profilieren. So spielte nicht zuletzt Goethes Naturbegriff in der Mechanismus-Kritik vor 1933 sowie in den programmatischen Darlegungen zu einem alternativen Wissenschaftsbegriff der „Anschaulichkeit“ – gegen die „Abstraktion, vor der wir uns fürchten“ – nach 1933 eine zentrale Rolle in der Kritik an einem ‚entwirklichenden’, mechanistisch-materialistischen Rationalismus wie in der Kritik an der experimentierenden ,Zerstückelung’ der Wirklichkeit (als ,Folter’ der Natur) und der Entgegensetzung von ,zerstörender’ Analyse und ‚ganzheitlicher’ Anschauung. In diesem Kontext erscheinen Goethes Morphologie wie seine Farbenlehre als so mit dem ,deutschen Geist’ verflochten, daß dieser sich gleichsam in der Lichtgestalt Goethes wiederzufinden vermochte, gegen den ,tötenden’ Rationalismus oder gegen ein kompaktes westeuropäisches Denken gerichtet, denen man das Wort von der ,lebendigen’ Erkenntnis, wahlweise auch das der ,artgerechten’ Erkenntnis entgegensetzte. In der veränderten politischen Rahmung nach 1933 werden die in den verschiedenen Fächern ausgetragenen Wissenskonflikte von Versuchen überlagert, zu einem radikal veränderten Wissenschaftsverständnis zu gelangen. Wenn bei diesem Versuch eines ,Paradigmenwechsels’ überhaupt inhaltliche Übereinstimmungen bestehen und sie sich nicht nur der Aufbruchsrhetorik der Zeit und der Anpassung an diffuse Erwartungen verdanken, dann liefert die Trias Gestalt – Ganzheit – Organismus, ergänzt um die Morphologie, die entscheidenden Stichworte, und zumindest eine personalisierte Gemeinsamkeit ließe sich in Goethe sehen: In ihm erheben sich nicht allein die Gegensätze zwischen den Disziplinen zu einer ,höheren Einheit’, er erscheint als Träger aller derjenigen Eigenschaften, die der ,neue’ Wissenschaftsbegriff fordert. Erst wieder seit den späten 1970er Jahren, freilich bei veränderter politischer Rahmung, dient der Nachweis der Übereinstimmung mit Goethes Ansichten erneut zur Autorisierung wissenschaftstheoretischer oder philosophischer Vorstellungen von ,alternativer’ Wissenschaft.

Viertens geht es um die Analyse der Verfahren und Begründungen, mit denen man versucht, in seinen literarischen Werken eine Art sensus naturalisaufzudecken und zu plausibilisieren, so wie es gegen Ende des 19. Jahrhunderts bereits von Hermann von Helmholtz unternommen wurde.

Verknüpfungen

Texte

Lutz Danneberg, Auswahlbibliographie: Goethe und die Naturwissenschaften – mit Blick auf die (traditionelle) Philosophie. Version 27. 03. 2017; PDF-Dokument.

Alexandra Skowronski, Heisenberg und Goethe – Physik und Dichtung. Strategien naturwissenschaftlicher und bildungsbürgerlicher Selbstdarstellung am Beispiel von Werner Heisenbergs Goethe Vorträgen (1941 und 1967). In: Scientia Poetica 15 (2011), S. 252-295.

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