“Wir sagen ab der internationalen Gelehrtenrepublik”? Internationale akademische Beziehungen Deutschlands von 1933 bis 1945

Bearbeiter: Andrea Albrecht, Lutz Danneberg, Ralf Klausnitzer, Kristina Mateescu, Alexandra Skowronski

(Hier finden sich nur Überblicksinformationen; ausführlichere Informationen auf unserer separaten Projektseite)

Die kritische Einstellung zur ‚Internationalität‘ gehört zu einem der Kernaspekte der in Deutschland zwischen 1933 und 1945 propagierten Wissenschaftsauffassung: An die Stelle selbstverständlicher internationaler Austausch- und Kooperationsbeziehungen traten ab 1933 politisch gesteuerte, stark restringierte und kontrollierte Außenkontakte und ein auf Autarkie und Hegemonie setzendes wissenschaftliches Selbstverständnis. Wirft man jedoch einen Blick in die Nachrichtenblätter der deutschen Wissenschaft, wird schnell deutlich, dass es auch während der Zeit des Nationalsozialismus überraschend umfangreiche und vielfältige internationale Kontakte gab. Der angestrebte Übergang zu einer ‚radikal mit der Tradition brechenden Wissenschaftsauffassung‘ scheint diese nur begrenzt beeinträchtigt zu haben. Die Diskrepanz zwischen der Absage an die Internationalität der Wissenschaft einerseits und die praktizierte und mitunter sogar offen proklamierte internationale Ausrichtung wissenschaftlicher Arbeit andererseits ist in der Forschung, insbesondere in der Geschichte der Philosophie und der Philologien, bislang kaum untersucht worden; es fehlen sowohl eine theoretische Auseinandersetzung als auch belastbare empirische Erhebungen. Das materiale Fundament der Untersuchung bildet eine auf Vollständigkeit angelegte personalbibliographische Sammlung zeitgenössischer Zeitschriftenbeiträge zu bislang 120 Philosophen und Philologen aus der NS-Zeit inklusive Rezensionsmaterial und Forschungsliteratur sowie eine thematisch ausgerichtete Sammlung zeitgenössischer Dokumente zur Wissenschaftsauffassung, zum internationalen Wissenschaftsaustausch und zu einzelnen Disziplinenentwicklungen während des Nationalsozialismus. Diese Dokumente werden im Rahmen des Projekts in eine Datenbank überführt und zum einen quantitativ, zum anderen qualitativ durch eine koordinierte Reihe von exemplarisch angelegten Fallstudien zum Verhältnis von Theorie und Praxis des wissenschaftlichen Austauschs zwischen 1933 und 1945 ausgewertet. Projektiert sind unter anderem Studien zur ‚Deutschen Linie des Denkens und Fühlens‘, zum Ästhetik-Kongress 1937 in Paris und zum Umgang mit eigenen und fremden philosophischen und literarischen Klassikern. Als Vergleichsstudie wird sich ein Teilprojekt mit der Wissenschaftspraxis, -auffassung und internationalen Rezeption des Logischen Empirismus und anderer philosophischer Strömungen befassen.

Die Projektgruppe setzt sich aus Berliner und Stuttgarter Philologen und Philosophen verschiedener Qualifikationsstufen zusammen.

Wir kooperieren mit Wissenschaftlern der Univ. Hamburg, Bonn, Graz, Heidelberg und Bern.

Im Herbst 2014 wurde als Auftakt die Tagung: „Die akademische ‚Achse Berlin – Rom‘? Zum wissenschaftlich-kulturellen Austausch zwischen Italien und Deutschland in den 1920er bis 1940er Jahren“ in der Villa Vigoni veranstaltet.

Publikationen

Andrea Albrecht & Alexandra Skowronski, Tagungsbericht A Treason of the Intellectuals? Uppsala, Dezember 2016

Andrea Albrecht, Lutz Danneberg, Simone de Angelis (Hg.), Die akademische ‚Achse‘ Berlin-Rom? Der wissenschaftlich-kulturelle Austausch zwischen Italien und Deutschland 1920 bis 1945, Berlin/Boston 2017.

Veranstaltungen

Workshop Stuttgart, 13.1.2017:  Ralf Klausnitzer: Neuere Forschungen zur Internationalität der Geisteswissenschaften und Entwicklungen 1933-45; Andrea Albrecht: Forschungen und Fortschritte; Alexandra Skowronski/Kristina Mateescu: Verdecktes Schreiben am Beispiel von Alfred von Martin