Theorien der Fiktionalität

(I) Fiktion und Narration

Bearbeitung: Alexander Bareis

Literaturwissenschaftliche Fiktionstheorien haben eine traditionelle Tendenz, den Bereich der Literatur und insbesondere des Romans als Paradigma der Fiktion zu setzen. Nur selten nähert man sich dem Problem der Fiktionalität ausgehend von alternativen Medien oder in einer medienübergreifenden Perspektive. Doch scheint es ein Allgemeinplatz, dass Fiktion ebenso im Film, im Theater und anderen Formen künstlerischer Darstellungen frequent vorkommt und als Fiktion erkannt, tradiert und rezipiert wird. In der anglo-amerikanischen analytischen Philosophie geht vor allem die Fiktionstheorie Kendall Waltons (Mimesis as Make-Believe, 1990) von einem medienübergreifenden Konzept der Fiktionalität aus, dessen Konsequenzen in der Philologie bislang noch weitestgehend nicht diskutiert worden sind. Das Projekt „Fiktionales Erzählen. Zur Theorie der literarischen Fiktion als Make-Believe“ versucht die Konsequenzen einer solchen Fiktionstheorie für die Literaturwissenschaft zu bedenken und in Beziehung zu setzen mit narratologischen Fragestellungen.

Ausführlichere ProjektbeschreibungFiktion und Narration

KontaktJ. Alexander Bareis

(II) Vom Erkennen fiktionaler Welten – das Genre Prinzip

Bearbeitung- Alexander Bareis

Ausführlichere ProjektbescheibungGenre-Prinzip

Kontakt: J. Alexander Bareis

(III) Die Zugänglichkeit fiktionaler und nichtfiktionaler ,Welten’

Bearbeitung: Lutz Danneberg

Die Überlegungen zu Unterschieden des Umgangs mit fiktionalen und nichtfiktionalen Darstellungen sollen anhand von zwei Vorannahmen und vier Grundannahmen entwickelt werden.

Vorannahmen:

V1 die spezifische Unerkennbarkeit des fiktionalen Status von Darstellungen;

V2 ,fiktional’ als eine Makroeigenschaft von Darstellungsgesamtheiten.

Grundannahmen:

G1 die ontologische Welt einer fiktionalen Darstellung ist im Vergleich zur ausgezeichneten Welt immer begrenzt, ohne dass sich die Grenze vorab ziehen lässt;

G2 nicht jedes Wissen, über das man hinsichtlich der als real ausgezeichneten Welt verfügt, kann für die Zugänglichkeit einer fiktionalen Welt relevant sein;

G3 zu fiktionalen Welten gibt es immer nur einen einzigen Zugang, nämlich über die Interpretation der als fiktional angesehenen Darstellungsgesamtheit – oder anders formuliert: Jede Welt, die wir als nichtfiktional, also als reale Welt auffassen, ist multivial;

G4 erstens, nicht alle an einer fiktionalen Darstellung zu entdeckenden Eigenschaften sind relevant für den Zugang zur dargestellten fiktionalen Welt; zweitens, nicht alle Beobachtungen, die man in einer fiktionalen Welt machen kann, sind Teil dieser fiktionalen Welt.

Kurz: Der Text wird fiktional, wenn man ihn ansieht als den einzigen Zugang zu der ,Welt‘, die er beschreibt; er wird nichtfiktional, wenn man in ihm nicht den einzigen Zugang zu der ,Welt‘ sieht, die er beschreibt.

Die Ausdrücke ,fiktional’ und ,nichtfiktional’ werden verwendet, ohne dabei zu meinen, dass mit der Wahl dieser Bezeichnungen bereits bestimmte Auszeichnungen des einen oder des anderen einhergehen. Die Privilegierung des einen oder des anderen ist ein gesondertes Problem; aber die Wahl der Bezeichnungen soll ausdrücken, dass das, was eine ,fiktionale Welt’ sein kann, eher verständlich erscheint, als das, was eine ›reale Welt‹ sein könnte. Es gibt ein Phänomen, das bislang als solches wenig oder überhaupt keine Beachtung gefunden hat, das sich gleichwohl durch die Jahrhunderte in als nichtfiktional angesehenen Darstellungen zieht. Es handelt sich um Gedankenexperimente, allerdings um ganz bestimmte, die sich kontrafaktische Imaginationen nennen lassen. ,Kontrafaktisch’, also die Besonderheit dieser Art von Imagination, meint, dass sie für denjenigen, der sie vorträgt, sowie für denjenigen, der sie entgegennimmt, ganz offenkundig in der als real angesehenen Welt falsch gelten. Solche kontrafaktischen Imaginationen sind in argumentierenden Texten keine Seltenheit, aber es erscheint in jeder Hinsicht unangemessen, sie als fiktionale Bestandteilen nichtfiktionaler Texte aufzufassen. Zudem ist die kontrafaktische wie die begriffliche Darstellungsweise nichtmetaphorisch, doch fehlt der kontrafaktischen der explizite Wahrheitsanspruch. Wie die Metapher ist sie offenkundig falsch, doch verliert die kontrafaktische Imagination ihren Charakter als kontrafaktisch nicht durch Metaphorisierung.

Vorarbeiten

Lutz Danneberg, Weder Tränen noch Logik. Über die Zugänglichkeit fiktionaler Welten. In: Uta Klein, Katja Mellmann und Steffnie Metzger (Hg.), Heuristiken der Literaturwissenschaft. Einladung zu disziplinexternen Perspektiven auf Literatur. Paderborn 2006, S. 35-83.

Langfassung: Weder Tränen noch Logik. Über die Zugänglichkeit fiktionaler Welten

Kontakt: Lutz Danneberg

(IV) Zur Analyse und zu Formen des Umgangs mit fiktional-faktual gemischten Texten

Bearbeitung: Dirk Werle

Dem Verhältnis von fiktional-faktual gemischten Texten nähert sich das Forschungsprojekt über die Erforschung des Verhältnisses von Fiktion und Dokument. Fiktion und Dokument – hier handelt es sich um eine prekäre oder gar um ein paradoxe Beziehung, sagt man. Fiktionalität wird häufig als Eigenschaft von Texten beschrieben, bei denen die Referenz auf die Realität beziehungsweise Faktizität der beschriebenen Gegenstände und Sachverhalte ausgesetzt wird. Dokumente dagegen sind gerade dadurch charakterisiert, dass sie in besonderer Weise auf die Faktizität dessen, was sie darstellen, referieren. Die beiden Begriffe scheinen sich mithin in Spannungsfeldern wie ‚wirkliche versus mögliche Welt‘ oder ‚Faktizität versus Nicht-Faktizität‘ jeweils eindeutig einem der beiden Pole zuordnen und damit in Opposition bringen zu lassen. Fiktion und Dokument sind aber keine symmetrischen Oppositionsbegriffe, sondern lassen sich auf unterschiedlichen Ebenen der Textbeschreibung verorten. Daher lassen sich mit ihnen verschiedene relationale Aussagen über Texte machen. Einige dieser Relationsaussagen bietet die folgende Liste:

a) Fiktionale Texte können als Dokumente für etwas gelesen werden;

b) Dokumente können als Fiktionen gelesen werden;

c) Repräsentationen von Dokumenten können innerhalb fiktionaler wie nicht-fiktionaler Texte eine Funktion erfüllen;

d) Fiktionen können innerhalb dokumentarischer Texte eine Funktion erfüllen;

e) Dokumente können in einen fiktionalen Kontext verschoben werden;

f) Fiktionen können in einen dokumentarischen Kontext verschoben werden;

g) fiktionale Texte können auf dokumentarischen Quellen basieren;

h) Dokumente können auf fiktionalen Quellen basieren;

i) fiktionale wie nicht-fiktionale Texte können fiktive Dokumente enthalten.

Bei genauem Hinsehen wird deutlich, dass in dieser Liste unterschiedliche Begriffsverwendungen von Fiktion und Dokument vorkommen. Streng genommen muss man zumindest unterscheiden zwischen fiktionalen und nicht-fiktionalen Texten, fiktiven und realen Sachverhalten und Gegenständen, der Fiktion als einer bestimmten Art von Darstellungsform, dem Dokument als einer mit einer bestimmten Eigenschaft versehenen Klasse von Gegenständen und dem Dokumentarischen als einer Bezeichnung für bestimmte Textsorten.

Ziel der Forschungsprojekts ist es, die verschiedenen Relationen zwischen Fiktion und Dokument sowie zur Analyse und zu Formen des Umgangs mit fiktional-faktual gemischten Texten anhand von Fallbeispielen zu untersuchen und einer Explikation zuzuführen.


Vorarbeiten

Dirk Werle: Fiktion und Dokument. Überlegungen zu einer gar nicht so prekären Relation mit vier Beispielen aus der Gegenwartsliteratur. In: Non Fiktion 1 (2006), S. 112-122

Dirk Werle: Dokumente in fiktionalen Texten als Provokation der Fiktionstheorie.

Kontakt: Dirk Werle


Verknüpfungen