{"id":60,"date":"2015-01-03T20:51:18","date_gmt":"2015-01-03T19:51:18","guid":{"rendered":"http:\/\/serverle.ilw.uni-stuttgart.de\/fheh\/?page_id=60"},"modified":"2023-02-21T17:30:46","modified_gmt":"2023-02-21T16:30:46","slug":"philologisches-seminar-und-naturwissenschaftliches-labor","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/fheh.org\/?page_id=60","title":{"rendered":"Philologisches Seminar und naturwissenschaftliches Labor"},"content":{"rendered":"<header class=\"entry-header\" style=\"color: #333333;\">\n<h1 class=\"entry-title\" style=\"font-weight: 500; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: bold; font-style: inherit; color: #666666;\">Bearbeitung:<\/span>\u00a0<span style=\"font-weight: bold; font-style: inherit; color: #666666;\">Lutz Danneberg<\/span><\/h1>\n<\/header>\n<div class=\"entry-content\" style=\"color: #333333;\">\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Zu den weithin geteilten Ansichten geh\u00f6rt, dass das Seminar als Form des Lehrens und Lernens ebenso kennzeichnend wie bestimmend gewesen sei f\u00fcr die Entwicklung, welche die Universit\u00e4ten im 19. Jahrhundert in Deutschland genommen haben und genau das habe denn auch wesentlich zu ihrer internationalen Reputation beigetragen, nicht zuletzt in der Verbindung von Lehre und Forschung, also mit dem sich freilich nicht sogleich, vor allem nicht gleichm\u00e4\u00dfig durchsetzenden sogenannten ,Forschungsimperativ\u2019. Schon die Zeitgenossen haben das in \u00e4hnlicher Weise wahrgenommen. So betont Friedrich Paulsen (1846-1908) angesichts des \u201ehervorragenden Anteils\u201c der deutschen Universit\u00e4ten an den \u201egro\u00dfen Wandlungen des wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens\u201c: \u201eDie philosophische Fakult\u00e4t steht dabei in der vordersten Reihe, ihre wissenschaftlichen Seminare sind die St\u00e4tten, wo die Forschergeneration sich die Hand reichen, um die Kontinuit\u00e4t der Arbeit zu sichern.\u201c Bereits 1913 findet das in einer ersten \u00fcbergreifenden Darstellung des universit\u00e4ren Seminars seine Best\u00e4tigung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Inwieweit ein solcher Zusammenhang tats\u00e4chlich bestand und inwiefern die Gr\u00fcndungen von Seminaren als Indikator etwa f\u00fcr den Stand der Institutionalisierung der jeweiligen Disziplinen gelten k\u00f6nnen, soll in dem Projekt ebenso wenig Gegenstand sein wie der Beitrag anderer Faktoren der keineswegs einheitlichen Universit\u00e4tsentwicklung in den L\u00e4ndern Deutschlands bis 1914. Das, was Thema der Untersuchung sein soll, ist das\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">seminarium<\/em><em style=\"font-weight: inherit;\">philologicum<\/em>\u00a0in seinem (Selbst-)Verst\u00e4ndnis als einer neben dem Labor besonderen St\u00e4tte des Erzeugens und Vermittelns von Wissens(anspr\u00fcchen), aber auch von Fertigkeiten und F\u00e4higkeiten \u2013 und das hei\u00dft nicht nur, wie sich das in seinem Rahmen betriebene philologischen Arbeiten darstellt und versteht, sondern auch welche (wissenschaftlichen) Pr\u00e4gungen es vermittelt oder vermitteln soll.<\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">In zahlreichen Untersuchungen, vor allem im Blick auf die einzelnen Universit\u00e4ten, finden sich Informationen zur \u00e4u\u00dferen Geschichte des Seminars \u2013 zu Personen, Reglements, finanziellen Ausstattungen \u2013, das sich etwa so knapp umschreiben l\u00e4sst: \u201eAls statutenm\u00e4\u00dfig festgelegte, ihren jeweiligen Leiter \u00fcberlebende Hochschuleinrichtungen erm\u00f6glichten Seminare und Institute die kontinuierliche Abhaltung von \u00dcbungen durch j\u00e4hrliche Haushaltsmittel (staatliche Denotationen, erg\u00e4nzt durch Eigeneinnahmen aus Benutzergeb\u00fchren) mit Pr\u00e4mien f\u00fcr die Studierenden und besonderer Dotation f\u00fcr den Direktor, durch eigene R\u00e4ume, kleine Bibliotheken und technische Apparaturen. Sie standen unter ministerieller Aufsicht, und der Direktor oder die Direktoren waren an den meisten Orten zu Berichten an die vorgesetzte Beh\u00f6rde verpflichtet. F\u00fcr die Studenten wurde das Seminar als eine Art Heimst\u00e4tte wie das englische College, demgegen\u00fcber die deutsche Universit\u00e4t des 19. Jahrhunderts sonst nichts Vergleichbares zu bieten hatte.\u201c (Bernhard vom Brocke, Die Entstehung der deutschen Forschungsuniversit\u00e4t, ihre Bl\u00fcte und Krise um 1900. In: Rainer Christoph Schwinges (Hg.), Humboldt International. Basel 2001, S. 367-401, hier, S. 374\/75; der Vergleich mit dem \u201eenglischen College\u201c darf dabei allerdings nicht zu streng genommen werden. Auch der Aspekt der Kontinuit\u00e4t \u00fcber den Seminarleiter hinaus mu\u00dfte nicht immer gegeben sein).<\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Gelegentlich finden sich aber auch Hinweise zu seinem inneren Leben, also zur philologischen Arbeit. Die Texte, denen sich Informationen \u00fcber die Seminaria philologica entnehmen lassen, reichen von historischen Untersuchungen bis zu zeitgen\u00f6ssischen Darstellungen, von Gelehrtenbiographien \u00fcber Nekrologe bis zu Erinnerungen ehemaliger Seminaristen und Kollegen, von programmatischen Verlautbarungen \u00fcber Statuten und Reglements bis zu offiziellen Rechenschaftsberichten. Hinzu kommen in der Zeit unver\u00f6ffentlichte Schriften und Archivmaterialien, die sp\u00e4ter nur in wenigen Ausnahmen ediert oder dokumentiert worden sind; vieles davon \u2013 das betrifft nicht selten auch die jeweiligen Seminarstatuten \u2013 d\u00fcrfte mittlerweile verloren gegangen sein. Die Informationen, die solche Texte explizit, oft aber auch nur implizit bieten, wurden bislang weder systematisch noch fl\u00e4chendeckend unter den hier verfolgten Fragestellungen des ,inneren Lebens\u2019 des philologischen Seminars als ,Raum\u2019 des Wissenserwerbs und der Wissenserzeugung im Vregleich mit dem Labor ausgewertet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Erschwert wird eine entsprechende Musterung der unterschiedlichen Texttypen und ihre Auswertung als ,Quellen\u2019, da die in ihnen vorfindlichen Informationen angesichts ihrer jeweiligen Veranlassung und Motivation gegeneinander kritisch abzuw\u00e4gen bleiben. Zwar lassen sich aus den gebotenen Darstellungen mehr oder weniger sichere R\u00fcckschl\u00fcsse auf die Ausgestaltung des ,inneren Lebens\u2019 des philologischen Seminars ziehen, nicht zuletzt hinsichtlich der Art und Weise der Wissensproduktion in diesem ,Raum\u2019, doch das, was im Folgenden unternommen wird, betrachtet diese Texte aufgrund methodischer \u00dcberlegungen zuv\u00f6rderst als Selbst- oder Fremdbeschreibungen. Vornehmlich geht es im Blick auf die philologische T\u00e4tigkeit im Seminar des 19. Jahrhunderts daher um die Analyse von Elementen und Aspekten der Beschreibungssprache der Philologie bei der Darstellung sowohl Gegebenem als auch Gew\u00fcnschtem. Nicht zuletzt aufgrund der Materiallage mit Zeugnissen des fr\u00fchen 19. Jahrhunderts wiederholter Selbstbeschreibungsversuche steht das altphilologische Seminar zwar im Blickpunkt, aber das Projekt versucht generell die Seminaria philologica als eine bestimmte Konstellation des Wissenserwerbs und der Wissensvermittlung in den Blick zu nehmen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Doch allein schon dann stellt sich das ,Innenleben\u2019 des Seminars als \u00fcberaus komplex dar, wenn man sich auf die Momente der Vermittlung, des Erwerbs und der Produktion philologischen Wissens in dieser ,Heimst\u00e4tte\u2019 beschr\u00e4nkt und dabei zu ber\u00fccksichtigen versucht, wie sich in diesem ,Raum\u2019 ,wissenschaftliches\u2019 und ,soziales Leben\u2019 verschr\u00e4nken. Zwar bem\u00fchen sich die Selbstbeschreibungen nicht selten, dieser Komplexit\u00e4t gerecht zu werden, doch zeigt sich dieses Komplexit\u00e4t mehr noch und durchweg an einem speziellen Merkmal der bei den Beschreibungen der philologischen T\u00e4tigkeiten verwendeten Sprache: Als ihr Grundmuster erscheint immer wieder die systematische Ambiguit\u00e4t, also die Doppel- oder Mehrdeutigkeit zentraler Beschreibungsausdr\u00fccke \u2013 so denn auch die der Methode oder des Takts, die zugleich stellvertretend f\u00fcr andere der (nicht nur) im 19. Jahrhundert verwendeten Ausdr\u00fccke solcher Beschreibungen stehen. Beim Vergleich mit einem f\u00fcr die wissenschaftliche Entwicklung im 19. Jahrhundert der Universit\u00e4ten nicht weniger wichtigen ,Raum\u2019, das naturwissenschaftliche Laboratorium, zeigen sich zwar \u00c4hnlichkeiten, aber auch gravierende Unterschiede zu Konstellationen des Wissenserwerbs im (philologischen) Seminar. Nicht zuletzt anhand dieser Unterschiede sollen sich die charakteristischen Aspekte der Arbeit im Seminarium philologicum der Zeit erhellen.<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold; font-style: inherit; color: #666666;\"><em style=\"font-weight: inherit;\">Verkn\u00fcpfungen<\/em><\/span><\/p>\n<ul style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">\n<li style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><a title=\"Hermeneutik um 1800 I: Philosophie, Besserverstehen und sensus moralis\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=422\"><span style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Hermeneutik um 1800: Philosophie, Besserverstehen und sensus moralis<\/span><\/a><\/li>\n<li style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><a style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit; color: #333333;\" title=\"Disziplin, Schule, Stil\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=1570\">Stil, Schule, Disziplin<\/a><\/li>\n<li style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Konsens, Dissens: Konzeptionen epistemischer Intersubjektivit\u00e4t<\/li>\n<li style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><a style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit; color: #333333;\" title=\"Wissenschaftskonkurrenz\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=1576\">Wissenskonkurrenz<\/a><\/li>\n<li style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><a title=\"Tradition, Wissenstransfer\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=1575\">Wissenstransfer<\/a><\/li>\n<li style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Vorl\u00e4uferschaft, <a title=\"Quelle, Einfluss\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=1573\">Einfluss<\/a>, Tradition<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><em style=\"font-weight: inherit;\"><span style=\"font-weight: bold; font-style: inherit; color: #666666;\">Vorarbeiten<\/span><\/em><\/p>\n<ol style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">\n<li style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Lutz Danneberg, Peirces Abduktionskonzeption als Entdeckungslogik. Eine philosophiehistorische und rezeptionskritische Untersuchung. In: Archiv f\u00fcr Geschichte der Philosophie 70 (1988), S. 305-326.<\/li>\n<li style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Lutz Danneberg, Methodologien. Strukur, Aufbau und Evaluation. Berlin 1989.<\/li>\n<li style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Lutz Danneberg,\u00a0<a href=\"https:\/\/fheh.org\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/wilamowitz.pdf\">Ad-personam-Invektive und philologisches Ethos im 19. Jahrhundert: Wilamowitz-Moellendorff contra Nietzsche<\/a>. In: Ralf Klausnitzer und Carlos Spoerhase (Hg.), Kontroversen in der Literaturtheorie\/ Literaturtheorie in der Kontroverse. Erscheint als Bd. 17 der Pubilkationen zur Zeitschrift f\u00fcr Germanistik IV\/2007, S. 93-148<\/li>\n<li style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Lutz Danneberg, \u201eein\u00a0Mathematiker, der nicht etwas Poet ist, wird nimmer ein vollkommener Mathematiker sein\u201c:\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">Geschmack<\/em>,\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">Takt<\/em>,\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">\u00e4sthetisches Empfinden<\/em>\u00a0im kulturellen Behauptungsdiskurs der Mathematik und der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert \u2013 mit Blicken in die Zeit davor und ins 20. Jahrhundert (FHEH-Preprint, Version 1. 11. 2009; PDF-Datei)<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: bold; font-style: inherit; color: #666666;\">Kontakt:<\/span>\u00a0<a style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit; color: #333333;\" title=\"Danneberg, Lutz\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=2237\">Lutz Danneberg<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bearbeitung:\u00a0Lutz Danneberg Zu den weithin geteilten Ansichten geh\u00f6rt, dass das Seminar als Form des Lehrens und Lernens ebenso kennzeichnend wie bestimmend gewesen sei f\u00fcr die Entwicklung, welche die Universit\u00e4ten im 19. 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