{"id":56,"date":"2015-01-03T20:50:36","date_gmt":"2015-01-03T19:50:36","guid":{"rendered":"http:\/\/serverle.ilw.uni-stuttgart.de\/fheh\/?page_id=56"},"modified":"2015-01-03T20:50:36","modified_gmt":"2015-01-03T19:50:36","slug":"popularisierung-von-wissen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/fheh.org\/?page_id=56","title":{"rendered":"Popularisierung von Wissen"},"content":{"rendered":"<header class=\"entry-header\" style=\"color: #333333;\">\n<h1 class=\"entry-title\" style=\"font-weight: 500; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: bold; font-style: inherit; color: #666666;\">Bearbeitung:<\/span>\u00a0<span style=\"font-weight: bold; font-style: inherit; color: #666666;\">Lutz Danneberg, Andreas M\u00f6ller, J\u00fcrg Niederhauser<\/span><\/h1>\n<\/header>\n<div class=\"entry-content\" style=\"color: #333333;\">\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Gegenstand des Teilprojekts ist die Popularisierungsgeschichte der modernen Physik. Die Untersuchung erstreckt sich auf den Zeitraum zwischen der Entdeckung des elementaren Wirkungsquantums durch Max Planck (1900) bzw. der Aufstellung der speziellen Relativit\u00e4tstheorie (1905) und der Popularisierung der Quantentheorie in den 1920er und fr\u00fchen 1930er Jahren. Ausgehend von der Annahme, dass f\u00fcr die gesellschaftliche Akzeptanz wissenschaftlicher Ergebnisse emotionale und soziokulturelle Faktoren geltend gemacht werden m\u00fcssen, werden drei Teilaspekte untersucht: die Motivationen und Strategien der Vermittlung bestimmter wissenschaftlicher Resultate sowie deren \u00f6ffentliches Echo.<\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Im Mittelpunkt des Teilprojekts steht somit die Frage, welche Gr\u00fcnde die Physiker im Untersuchungszeitraum veranlassen, den Adressatenkreis ihrer Ver\u00f6ffentlichungen auszuweiten und den Weg zu einem fachfremden Publikum zu suchen. Den bisherigen Untersuchungsergebnissen zufolge f\u00fchren fachinterne Widerspr\u00fcche so evident wie in keiner anderen naturwissenschaftlichen Disziplin zu einer Verlagerung des Autorit\u00e4tsaufbaus mit Hilfe quasiplebiszit\u00e4rer Interessensbekundungen. So nimmt der Raum, den physikalische Zeitschriften den Diskussionen \u00fcber die weltanschaulichen Dimensionen theoretischer Arbeiten einr\u00e4umen, ab Mitte der 1920er Jahre ab. F\u00fcr Popularisatoren wie den Logischen Empiristen Hans Reichenbach (1891-1953), der als Pr\u00fcfer und Korrektor der Popul\u00e4rliteratur wirkt und auf diesem Wege in die Rolle des Einstein-Verteidigers schl\u00fcpft, ergibt sich hieraus die Handhabe, auf Presseformate auszuweichen, in denen Fragen der philosophischen Interpretation im Vordergrund stehen. Diese reichen von der Tagespresse (FZ, VZ) bis zu Zeitschriften wie der Literarischen Welt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Einer sich rasant entwickelnden modernen Physik gelingt es nach den Ersch\u00fctterungen der klassischen Physik, die das naturwissenschaftliche Denken f\u00fcr mehr als zwei Jahrhunderte bestimmt hatte, allem Anschein nach nicht mehr, fachinterne Kontroversen ersch\u00f6pfend zu diskutieren und konsensuell zu schlichten. St\u00e4rker als im Falle der Relativit\u00e4tstheorie, die in zwei Etappen (1905, 1915) und in einem so wahrgenommenen personellen Alleingang entwickelt wird, betrifft dies die Auseinandersetzungen zwischen den realistischen Interpretationen der Quantentheorie, wie sie von Einstein und Erwin Schr\u00f6dinger vertreten werden, und der Kopenhagener Deutung Niels Bohrs und Werner Heisenbergs, in welcher der Wahrscheinlichkeitsbegriff eine besondere Rolle spielt. Der fachinterne Dissens f\u00fchrt damit zum Teil zu einer Delegation von Entscheidungsfindungen \u00fcber die Fachgrenzen hinaus, indem ein regelrechter Wettstreit um die Pr\u00e4senz der Standpunkte im \u00f6ffentlichen Raum beginnt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Insbesondere im Fahrwasser der als \u201aabgeschlossen\u2019 geltenden Relativit\u00e4tstheorie warten die Wissenschaftler ihre Zeit daher gewisserma\u00dfen nicht ab, sondern werden selbst aktiv, um \u00f6ffentliche Voten herbeizuf\u00fchren. Die popul\u00e4r gewordenen Vortragsreisen Einsteins ins In- und Ausland oder die Radiosendungen Reichenbachs widersprechen dabei insofern der wissenschaftlichen Praxis, als der Wissenschaftler die Anerkennung \u00fcber den Wert der Forschungsresultate nicht dem fachinternen Urteil \u00fcberl\u00e4sst, sondern sich um die au\u00dferwissenschaftliche \u00d6ffentlichkeit bem\u00fcht. Die Anfeindungen, denen sich Einstein als Privatperson ausgesetzt sieht, haben ihre Ursache daher nicht zuletzt im Effekt der gesteigerten Personalisierung von Wissen, obgleich der weltanschauliche Hintergrund der Ressentiments bereits in den 1920er Jahren un\u00fcbersehbar ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Zumal dann, wenn das Wissen nicht allein durch einen hohen Grad an Mathematisierung gekennzeichnet ist, sondern wie im Falle der Quantentheorie die Objektivierbarkeit experimenteller Beweismittel verneint, nehmen Kompetenz- und Autorit\u00e4tsargumente eine entscheidende Rolle bei der Wissensvermittlung ein. Ein Untersuchungsaspekt des Projekts widmet sich darum der Frage, welche Bedeutung in diesem Zusammenhang Kriterien wie Vertrauen, Kompetenz, Personalit\u00e4t, Autorit\u00e4t, Status und Distinktion beizumessen ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Der Wissenschaftler selbst wird durch die \u00f6ffentliche Stellung einzelner Erkenntnisse zu einem Popularit\u00e4tsfaktor, wenn er den Nimbus des Entdeckers, Sch\u00f6pfers oder alleinf\u00e4higen Ausdeuters anspruchsvoller Gedankenwelten auf sich vereinen kann. Hierbei erscheint es bemerkenswert, dass gegen\u00fcber der momentanen Wahrnehmung eines anonymen Netzes von Wissenschaftlern, die sich etwa mit Fragen der Biomedizin auseinandersetzen, das Weltbild der klassischen Physik von einigen wenigen Handelnden zum Einsturz gebracht wird; so zumindest vermitteln es weite Teile der Wissenschaftsgeschichte. Das Ph\u00e4nomen des Personenkults geht dabei \u00fcber Fragen des wissenschaftlichen Bereichs hinaus und offenbart die Vertrauen stiftende Wirkung einer inszenierten N\u00e4he, die der tats\u00e4chlich vorhandenen Anonymit\u00e4t bei der Auseinandersetzung mit einem fremden Wissen kontrastiv gegen\u00fcber steht. Anders als der Popularisator, ist der Wissenschaftler nicht nur Urheber und Symbolfigur des Wissens, sondern ein mediales Schauobjekt, wie das \u00d6ffentlichkeitsinteresse an allen Aspekten der Einsteinschen Biografie bis in das Jubil\u00e4ums-Jahr 2005 hinein verdeutlicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Die Wissenschaft \u2013 auch diesem Aspekt geht das Teilprojekt nach \u2013 ist an einer entsprechenden Wahrnehmung nicht unbeteiligt. Obgleich sie das \u00f6ffentliche Gespr\u00e4ch nicht kontrollieren k\u00f6nnen, stehen namhafte Fachgelehrte f\u00fcr den Versuch, die Popularisierung einzelner Resultate \u00fcber den Steigb\u00fcgel der Personifizierung voranzutreiben. Sie bezeugen damit den Wunsch, dem Fachwissen \u00fcber charismatische Einzelfiguren den Weg zu einem nach den Gesetzen des Buch- und Pressemarktes zunehmend breiter aufgestellten Lesepublikum zu ebnen, wobei die Arbeitsteiligkeit der Forschung nicht selten zu Gunsten wissenschaftlicher Geniestreiche aus einer Hand unterschlagen wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: bold; font-style: inherit; color: #666666;\">E<\/span>iner der eindrucksvollsten Belege daf\u00fcr ist die 1920 erstmals erscheinende Abhandlung Max Borns mit dem Titel Die Relativit\u00e4tstheorie Einsteins und ihre physikalischen Grundlagen, die in den historischen Zeitraum f\u00e4llt, in dem die Ver\u00f6ffentlichungen \u00fcber die RT im europ\u00e4ischen Kontext dank der Eddington-Expeditionen von 1919 ihren H\u00f6hepunkt erreicht haben. Denn die von Einstein prognostizierte Ablenkung des Lichts durch massereiche K\u00f6rper im Weltraum kann bei der ber\u00fchmen Sonnenfinsternis best\u00e4tigt werden, was das Interesse der \u00d6ffentlichkeit auch aus politischen Gr\u00fcnden tangiert. Schlie\u00dflich wird der Priorit\u00e4tsanspruch zwischen Einstein und Newton nur ein Jahr nach Beendigung des Ersten Weltkriegs durch den f\u00fchrenden britischen Astrophysiker zu Gunsten Einsteins entschieden und verhei\u00dft im Lichte au\u00dferwissenschaftlicher Argumentation betrachtet weit mehr als die L\u00f6sung der Frage nach der Vorherrschaft zweier konkurrierender geometrischer Systeme.<\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Zu fragen ist also, wie Einstein, aber auch Physiker wie Werner Heisenberg durch fachwissenschaftliche F\u00fcrsprecher als Autorit\u00e4tsfiguren aufgebaut werden, was im Widerspruch zum l\u00e4ngst erreichten Arbeitsteilungs- und Internationalisierungsgrad der Wissenschaften steht. Im Rahmen des Teilprojekts soll deshalb das Ph\u00e4nomen der Verwendung von Ad-Personam-Argumenten in der Wissenschaftsvermittlung untersucht werden. Hierbei ist gleichsam zu beachten, dass die Personalisierung des Wissens als eine Strategie angewendet wird, um Animosit\u00e4ten gegen\u00fcber den als \u201ablutleer\u2019, \u201aentwirklichend\u2019 oder \u201aabstrakt\u2019 stigmatisierten mathematischen Naturwissenschaften abzubauen.<br \/>\n<em style=\"font-weight: inherit;\"><span style=\"font-weight: bold; font-style: inherit; color: #666666;\">Verkn\u00fcpfungen<\/span><\/em><\/p>\n<ul style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">\n<li style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><a style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit; color: #333333;\" title=\"Intellektuelle Konflikte: Epistemologie und Rhetorik\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=48\">Intellektuelle Konflikte: Epistemologie und Rhetorik<\/a><\/li>\n<li style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><a style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit; color: #333333;\" title=\"Darstellungsformen der Vermittlung wissenschaftlicher Wissensanspr\u00fcche\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=320\">Darstellungsformen der Vermittlung wissenschaftlicher Wissensansp\u00fcche<\/a><\/li>\n<li style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><a style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit; color: #333333;\" title=\"Goethe als Naturwissenschaftler im Streit um den Wissenschaftsbegriff\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=325\">Goethe als Naturwissenschaftler im Streit um den Wissenschaftsbegriff<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><em style=\"font-weight: inherit;\"><span style=\"font-weight: bold; font-style: inherit; color: #666666;\">Vorarbeiten<\/span><\/em><\/p>\n<ol style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">\n<li style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Andreas M\u00f6ller: Aurorafalter und Spiralnebel. Naturwissenschaft und Publizistik bei Martin Raschke 1929-1932. Frankfurt am Main 2006.<\/li>\n<li style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">J\u00fcrg Niederhauser: Wissenschaftssprache und popul\u00e4rwissenschaftliche Vermittlung. T\u00fcbingen 1999<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: bold; font-style: inherit; color: #666666;\">Kontakt:\u00a0<\/span><a style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit; color: #333333;\" title=\"Moeller, Andreas\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=2270\">Andreas M\u00f6ller<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bearbeitung:\u00a0Lutz Danneberg, Andreas M\u00f6ller, J\u00fcrg Niederhauser Gegenstand des Teilprojekts ist die Popularisierungsgeschichte der modernen Physik. 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