{"id":43,"date":"2015-01-03T20:44:49","date_gmt":"2015-01-03T19:44:49","guid":{"rendered":"http:\/\/serverle.ilw.uni-stuttgart.de\/fheh\/?page_id=43"},"modified":"2017-03-25T17:11:13","modified_gmt":"2017-03-25T16:11:13","slug":"auctoritas-und-testimonium-epistemologien-der-glaubwuerdigkeit-und-des-vertrauens","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/fheh.org\/?page_id=43","title":{"rendered":"Auctoritas und Testimonium: Epistemologien der Glaubw\u00fcrdigkeit und des Vertrauens"},"content":{"rendered":"<p><strong>Bearbeitung: Lutz Danneberg, Carlos Spoerhase<\/strong><\/p>\n<p>Das Thema\u00a0<em>auctoritas<\/em>\u00a0und\u00a0<em>testimonium<\/em>\u00a0hat mittlerweile nicht geringe Aufmerksamkeit gefunden. Was dabei freilich kaum in den Blick geraten ist &#8211; weder in den historischen Untersuchungen noch in der seit den neunziger Jahren recht aktiven Debatte zur epistemischen Abh\u00e4ngigkeit im Rahmen der analytischen Philosophie &#8211; sind die Theorie der Autorit\u00e4t wie des Testimoniums selbst, wie sie sich seit der Antike ausgebildet haben. Doch ohne sie sind etwa die anhaltenden autorit\u00e4tskritischen Bekundungen, die sicherlich im 17. Jahrhundert einen H\u00f6hepunkt erreichen, kaum zu verstehen &#8211; ganz zu schweigen davon, da\u00df (wenn es \u00fcberhaupt eines Nachweises bedarf) Statements wie: &#8220;Die f\u00fcr uns so evidente Trennung zwischen dem, was wir sehen, und dem, was die anderen beobachtet und \u00fcberliefert haben [&#8230;] existierte nicht&#8221; (Foucault, Die Ordnung der Dinge. Frankfurt\/M. 1971, S. 167\/68), vermutlich f\u00fcr jeden historischen Zeitpunkt so eklatant falsch ist, da\u00df das, was sich hier als historische Aussage \u00fcber die Unkenntnis einer Unterscheidung drapiert, bei n\u00e4herer Betrachtung sich als versteckte Wertung zu erkennen gibt &#8211;\u00a0<em>vulgo<\/em>: Man war bestimmten fremden Zeugnissen gegen\u00fcber nicht so kritisch wie Foucault meint, wir es heute sind &#8211; und das wiederum ist eine nahezu triviale Aussage, die einen Wissensanspruch betrifft, aber nicht die Unkenntnis einer Unterscheidung bedeutet.<\/p>\n<p>Das Verst\u00e4ndnis der Auffassungen von Autorit\u00e4t und Testimonium wird durchg\u00e4ngig verfehlt, wenn man mehr oder weniger den diversen Bekundungen zeitgen\u00f6ssischer, in der Gegenwart als ,Autorit\u00e4ten\u2019 gesch\u00e4tzter Akteure folgt und so immer wieder nur den Auto- und Heterostereotypen der jeweiligen Zeit aufsitzt. Zur Vorsicht h\u00e4tte mahnen m\u00fcssen, dass im Rahmen der christlichen Kultur jedweder Konfession die menschliche Autorit\u00e4t immer nur\u00a0<em>second<\/em>\u00a0<em>best<\/em>\u00a0sein konnte und dass die vehemente Ablehnung, die sich das\u00a0<em>argumentum ab auctoritate<\/em>\u00a0seit dem 17. Jahrhundert zugezogen hat, eine L\u00fccke gerissen hat, die durch Substitute und Surrogate zu f\u00fcllen war. Eher scheint es dann so zu sein, dass die Autorit\u00e4tszuweisung an ,Personen\u2019 zugenommen hat, wenn man beispielsweise an die Newton-, Goethe- oder Einstein-Verehrung denkt. Freilich bedarf es auch hier genauer Analysen solcher Formen von Autorit\u00e4tsgl\u00e4ubigkeit bezogen auf die jeweilige epistemische Situation und die Wissenskonstellationen neben zahlreichen anderen Faktoren wie etwa en medialen M\u00f6glichkeiten. Dabei darf man dann auch nicht vergessen, dass solche Autorisierungen von ,Personen\u2019 unterschiedlichen Zwecken dienen kann, die mit dem so ausgezeichneten Gegenstand, wenig oder nichts mehr zu tun haben m\u00fcssen. Doch nicht nur die im Hintergrund stehenden Theorien und Konzepte zur Begr\u00fcndungen f\u00fcr Glaubw\u00fcrdigkeit und Vertrauen sind \u00fcberaus komplex, sondern die Anrufung von Autorit\u00e4t ersch\u00f6pft sich nicht in den seit der Antike g\u00e4ngigen Beispielen des schlichten\u00a0<em>ipse<\/em>\u00a0<em>dixit\u00a0<\/em>oder Senecas Formuierung, da\u00df es auch ohne ,Beweise&#8217; allein das ,Ansehen&#8217; Geltung verschaffe (<em>Ep<\/em>\u00a095, 27:\u00a0<em>quid, quod etiam sine probationibus ipsa momentis auctoritas prodest<\/em>).<\/p>\n<p>Daraus resultieren denn auch die beiden Hauptbereiche des Projekts: Zum einen die Theorie der Autorit\u00e4t und des Testimoniums, die begr\u00fcndenden Konzepte von Vertrauen und Glaubw\u00fcrdigkeit seit der Antike in ihren Wandlungen zu analysieren; zum anderen Verwendungen des\u00a0<em>argumentum<\/em>\u00a0<em>ab auctoritate<\/em>\u00a0(bzw. der Familie solcher Argumente, etwa\u00a0<em>ad-hominem<\/em>-Argumente) ebenso wie den zahlreichen, immer anzutreffenden mehr oder weniger prononcierten autorit\u00e4tskritischen wie autorit\u00e4tsbejahenden Bekundungen: \u00c4u\u00dferungen \u00fcber die eigene Akzeptanz oder Kritik von (menschlicher) Autorit\u00e4t, \u00c4u\u00dferungen \u00fcber die fremde Akzeptanz oder Kritik von (menschlicher) Autorit\u00e4t, in ihren jeweiligen Kontexten nachzugehen. Ein besonderes Augenmerk richtet sich dabei auf wiederkehrende, oft auf die Antike zur\u00fcckweisende Sentenzen &#8211; wie etwa die\u00a0<em>Magis-Amica-Veritas<\/em>&#8211; oder die\u00a0<em>Errare-cum-Platone<\/em>-Formel.<\/p>\n<p>Bei n\u00e4herer Betrachtung liegen unter dieser Perspektivierung zwei Verallgemeinerungen nahe: So autorit\u00e4tsgl\u00e4ubig man selbst immer auch gewesen sein mochte, aus der eigenen Sicht hat es immer andere gegeben, die als autorit\u00e4tsgl\u00e4ubiger als man selbst erscheinen und die daher kritikw\u00fcrdig sein konnten, sowie: Obwohl sich die verschiedenen Zeiten (bis in die Gegenwart) im Umgang mit Autorit\u00e4ten sicherlich unterscheiden, ist die Auszeichnung bestimmter ,Jahrhunderte\u2019 als besonders autorit\u00e4tsgl\u00e4ubig ein voreiliges Urteil, das sich nicht zuletzt dem Fehlen wesentlicher Unterscheidungen verdankt. Sie erscheinen als erforderlich, um die Komplexit\u00e4t des Umgangs mit dem\u00a0<em>argumentum ab auctoritate<\/em>\u00a0\u00fcberhaupt erst zu erkennen &#8211; aber mehr noch: Die mitunter vehementen autorit\u00e4tskritischen \u00c4u\u00dferungen, die es mehr oder weniger sporadisch immer gegeben hat, auch wenn sie sicherlich seit dem 17. Jahrhundert zunehmen, erlangen ihre Glaubw\u00fcrdigkeit just im Rahmen der geltenden Autorit\u00e4tstheorie selbst, die eher eine Theorie der Autorit\u00e4tskritik ist, so sehr sie auch durch Konzepte der Glaubw\u00fcrdigkeit und des Vertrauens flankiert wird. So ist denn auch weniger die Autorit\u00e4tstheorie, die sich ver\u00e4ndert hat, sondern ge\u00e4ndert hat sich ihre Reichweite und in der argumentierenden Praxis entsteht das Problem der ,neuen\u2019 Autorit\u00e4ten, die es gleichwohl noch auszuzeichnen gilt.<\/p>\n<p>Als die charakteristischen Elemente der Theorie der\u00a0<em>probatio per testes<\/em>, des\u00a0<em>locus ab auctoritate<\/em>, des menschlichen Testimoniums (in der christlich gepr\u00e4gten Kultur) lassen sich vier ansehen:\u00a0<em>(1)<\/em>\u00a0die Entgegensetzung zum g\u00f6ttlichen Zeugnis (<em>auctoritas<\/em>\u00a0<em>divina<\/em>) als das (nur) menschliche Zeugnis (<em>auctoritas<\/em>\u00a0<em>humana<\/em>). Seinen Ort findet dieses Lehre in den Logiken der Zeit, und zwar in den\u00a0<em>loci<\/em>-Lehren mit der Kernunterscheidung von<em>artificalia<\/em>\u00a0(<em>intrinseca<\/em>) und\u00a0<em>inartificalia<\/em>\u00a0(<em>extrinseca<\/em>), die letztlich aus der antiken Rhetorik (Aristoteles und Cicero) in die christliche Autorit\u00e4tslehre gelangt.\u00a0<em>(2)<\/em>\u00a0Der\u00a0<em>locus ab auctoritate<\/em>\u00a0(beim Testimonium) ist ein\u00a0<em>locus<\/em>\u00a0<em>inartificialis<\/em>.\u00a0<em>(3)<\/em>\u00a0Beim menschlichen Zeugnis, beim\u00a0<em>argumentum<\/em>\u00a0<em>ab auctoritate<\/em>, handelt es sich um den schw\u00e4chsten aller dem Menschen zur Verf\u00fcgung stehenden Argumentetyp; beim g\u00f6ttlichen um das st\u00e4rkste (mit den Worten des Thomas von Aquin: \u201e[&#8230;] locus ab auctoritate quae fundatur super ratione humana sit infirmissimus, locus tamen ab auctoritate quae fundatur super revelatione divina, est efficacissimus\u201c). Der autorit\u00e4tskritische Hinweis etwa, dass auch die\u00a0<em>patres<\/em><em>ecclesiae<\/em>\u00a0nur Menschen gewesen seien, ist genau durch diesen Aspekt der Theorie gerechtfertigt.<\/p>\n<p>Abgesehen von \u00fcberindividuellen Faktoren, beispielsweise institutionellen (etwa die Festlegung der Orden auf bestimmte Leit-Autorit\u00e4ten), die vieles an Stetigkeit und Stabilit\u00e4t von Autorit\u00e4ten erkl\u00e4ren m\u00f6gen, l\u00e4sst sich aber auch noch einiges \u00fcber die Muster der Autorit\u00e4ts-Bildung und \u2013Stabilisierung sagen, welche die individuellen Akteure betrifft. (4) Der Kern der Begr\u00fcndung des Gebrauchs des\u00a0<em>argumentum ab auctoritate<\/em>besteht in einer Theorie der induktiven Rationalit\u00e4t. Sie umrei\u00dft die Beurteilung (die Akzeptanz) des\u00a0<em>locus ab auctoritate<\/em>\u00a0und unterteilt sich in vierfacher Hinsicht: In Bezug auf\u00a0<em>(4.1)<\/em>\u00a0den Zeugnisgeber mit der\u00a0<em>(4.1.a)<\/em>\u00a0einhelligen Annahme der Reduzierbarkeit des Autorit\u00e4tsarguments: das hei\u00dft die prinzipielle, nicht unbedingt aber faktische, Zur\u00fcckf\u00fchrung der inartifiziellen auf artifizielle Argumente. Das ist ein zentraler Punkt: Es gibt, zumindest der Theorie nach, keine Bindung an eine menschliche Autorit\u00e4t, bei der diese Reduzierbarkeit grunds\u00e4tzlich geleugnet werden m\u00fcsste. Damit ein\u00a0<em>argumentum ab auctoritate<\/em>\u00a0zul\u00e4ssig ist, muss man annehmen d\u00fcrfen, der Zeugnisgeber habe bei der Bildung seiner \u00dcberzeugungen allein auf\u00a0<em>argumenta intrinseca<\/em>\u00a0zur\u00fcckgegriffen, wenn nicht und er sich selber bei seinen \u00dcberzeugungen auf ein\u00a0<em>argumentum ab auctoritate<\/em>st\u00fctzt, dann ist er entweder nur eine abgeleitete Autorit\u00e4t, die faktisch nur das wiedergibt, was eine Autorit\u00e4t gesagt hat, oder aber es f\u00fcgt dem Wissensanspruch noch selbst\u00e4ndig etwas an Plausibilit\u00e4t hinzu, wenn man annehmen kann, dass der Zeugnisgeber mit der Autorit\u00e4t so umgegangen ist, wie es die Autorit\u00e4tstheorie von ihm verlangt. Hinzu tritt<em>(4.1.b)<\/em>\u00a0eine Theorie der Vertrauensw\u00fcrdigkeit. Sie rechtfertigt das Vertrauen gegen\u00fcber dem Zeugnisgeber und kann den Zeugnisnehmer einer Nachpr\u00fcfung selbst dann entheben, wenn sie prinzipiell m\u00f6glich w\u00e4re. Dieser Aspekts des Vertrauen ist allein gerechtfertigt durch die Annahme, dass die Bedingungen f\u00fcr die Reduktion erf\u00fcllt sind, auch wenn diese vom Zeugnisgeber nicht gepr\u00fcft werden kann. Vor diesem Hintergrund lassen sich dann auch\u00a0<em>fallacia<\/em>\u00a0<em>testimonii<\/em>\u00a0er\u00f6rtern.<\/p>\n<p>Es \u00f6ffnet sich dann das Feld von Eigenschaften, die Personen in (epistemischen) Situationen zukommen m\u00fcssen und mit deren Hilfe sich in zweifacher Hinsicht schlie\u00dfen l\u00e4sst und von denen man ein testimonales oder nichttestimonales Wissen hat:\u00a0<em>(4.1.b.a)<\/em>auf die Kompetenz des Zeugnisgebers (<em>doctissimus<\/em>\u00a0<em>in arte sua<\/em>;\u00a0<em>probatio artifici in sua arte credendum est; experto in sua scientia credendum est<\/em>; expertus \u2013 eben, weil sie sachkundig und das hei\u00dft, sich auf Argumente in der Sache, als kunstgem\u00e4\u00dfe Argumente sich st\u00fctzend) \u2013 kurz: dass ihn kunstgem\u00e4\u00dfe Argumente oder Autopsie zu seinem Zeugnis bewogen haben; die Kompetenzunterstellung beruht mithin wesentlich auf der Annahme, dass der Zeugnisgeber jemand ist, f\u00fcr den sich die Reduktionsthese annehmen l\u00e4sst; diese Kompetenz konnte eingeschr\u00e4nkt sein und so den Schluss anhand induktiver Rationalit\u00e4t beschr\u00e4nken;\u00a0<em>(4.1.b.b)<\/em>\u00a0auf die Aufrichtigkeit des Zeugnisgebers \u2013 kurz: dass er nicht wissentlich die Unwahrheit sagt. Auf Wahrhaftigkeit des Zeugnisgebers wird aufgrund von bestimmter, gewichteter Merkmalen geschlossen; im Blick darauf, welche personalen Merkmale in welcher Weise einen solchen Schluss erlauben, kommt es immer wieder zu Er\u00f6rterungen und auch zu Ver\u00e4nderungen.<\/p>\n<p>Der Schluss auf die autoritative Anerkennung eines Wissensanspruchs hat nach der Theorie mithin zwei Eigenschaften beim Zeugnisgeber zu sichern: Ehrlichkeit und Kompetenz. Grob kann man daraufhin zwei Gruppen von Eigenschaften unterscheiden: solche, welche die Person des Zeugnisgebers, und solche, die sein Werk betreffen. Der beste Weg, um die Kompetenz eines Autors festzustellen, ist die Pr\u00fcfung seiner Wissensanspr\u00fcche. Der autoritativ gest\u00fctzte Wissensanspruch ist (in der Regel) an seine schriftliche Quelle gebunden.\u00a0<em>Auctoritates<\/em>\u00a0sind die Texte und nur in zweiter Linie die Autoren. Aristoteles als den Philosophen zu bezeichnen und ihm damit die h\u00f6chstm\u00f6gliche menschliche Autorit\u00e4t zuzuweisen, ist eine abgek\u00fcrzte Formulierung f\u00fcr: derjenige, der bestimmte Schriften verfasst hat und dessen Schriften (zahlreiche) Wissensanspr\u00fcche enthalten, die wahr sind \u2013 mithin handelt es sich um eine Art induktiver Rationalit\u00e4t. Der Umgang mit den Autorit\u00e4ten erscheint dann auch nicht mehr als paradox. Genau deshalb besitzt sein Testimonium besondere G\u00fcte, und vor dem Hintergrund, dass die Wahrheit alt ist, erscheint es in einer bestimmten epistemischen Situation als rational, das eigene Urteil im Horizont der\u00a0<em>auctoritates<\/em>\u00a0zu sehen und es gegebenenfalls ihnen unterzuordnen.<\/p>\n<p>Hinzu kommt\u00a0<em>(4.1.b.c)<\/em>\u00a0eine Reihe spezieller, mehr oder weniger wohl formulierter Maximen der Autorit\u00e4ts\u00fcbertragung und der Autorit\u00e4tsminderung, etwa Regeln im Hinblick auf die quantitative und qualitative \u00dcbereinstimmung. Diese Regeln sind zahlreiche und nicht mehr als Daumenregeln: Etwa \u2013 wenn jemand etwas sagt, dass ihm nicht zutr\u00e4glich ist, wird ihm eher geglaubt als wenn er (bei gleichen Gegebenheiten) etwas f\u00fcr ihn sehr Vorteilhaftes sagt. Es handelt sich deshalb nur um Daumenregeln, weil sie nicht unabh\u00e4ngig von der (konkreten) Situation in Anschlag gebracht werden k\u00f6nnen: Wer oft etwas Negatives \u00fcber sich sagt, dem glaubt man sicher auch dann, wenn er einmal etwas Positives sagt.<\/p>\n<p>Neben dem Zeugnisgeber sind es\u00a0<em>(4.2)<\/em>\u00a0Eigenschaften des Zeugnisses selbst &#8211; vereinfacht gesagt, seine authentische \u00dcberlieferung und dazu kommen dann\u00a0<em>(4.2.a)<\/em>eine Entstehungstheorie als die Theorie, die erkl\u00e4rt, weshalb etwas ein glaubw\u00fcrdiges, autoritatives Zeugnis in seiner Grundgestalt ist; es ist genau diese Entstehungstheorie, die es erforderlich macht, bei einem gegebenen Zeugnis zu pr\u00fcfen, ob es ,echt\u2019, ,authentisch\u2019 o.dgl. ist. Wichtig ist, dass selbst dann, wenn ein Zeugnis hinsichtlich seiner Authentizit\u00e4t zweifelhaft ist, es nach er Autorit\u00e4tstheorie noch nicht zwingend bedeuten musste, dass es keinen akzeptablen Wissensanspruch beherbergen kann; des weiteren<em>(4.2.b<\/em>) eine Bewahrungstheorie,\u00a0<em>(4.2.c)<\/em>\u00a0eine Ver\u00e4nderungstheorie und\u00a0<em>(4.2.d)<\/em>\u00a0eine Fehlertheorie. Sie sind zun\u00e4chst wenig ausgepr\u00e4gt und bei ihnen gewinnt dann die ,Philologie\u2019 in Gestalt der Alterskritik von Texten ihre f\u00fcr eine gewisse Zeit so \u00fcberragende Bedeutung f\u00fcr die Anerkennung, aber vor allem auch f\u00fcr die Verwerfung von autoritativem Wissen. Hinzu kommen<em>\u00a0(4.2.e)<\/em>\u00a0textuelle Beglaubigungen. Die Beglaubigungsstrategien k\u00f6nnen sich bei einem Testimonium sowohl auf die Kompetenz als auch auf die Aufrichtigkeit beziehen, aber auch auf alles das, was nach der Theorie des Testimoniums als relevant erachtet wird \u2013 etwa dass das Zeugnis von seiner eigenen Entstehung etwas mitteilt, usw. Schlie\u00dflich\u00a0<em>(4.3)<\/em>\u00a0der Zeugnisnehmer: Es handelt sich hierbei zun\u00e4chst im wesentlichen um das, was sich als Vertrauensvorschuss bezeichnen l\u00e4sst, der vom Zeugnisnehmer (vorab) zu erbringen ist. Dieser Vertrauensvorschuss ist nie uneingeschr\u00e4nkt gewesen; er tritt, technisch gesehen, als Pr\u00e4sumtion auf, nach der etwa gilt: So lange keine Faktoren erkennbar sind, die der Glaubw\u00fcrdigkeit widerstreiten, sei Glaubw\u00fcrdigkeit anzunehmen. Es finden sich aber wesentlich komplexere Formulierungen. Hinzutreten unter Umst\u00e4nden Kompetenzen, Haltungen (Tugenden) oder Dispositionen, die beim Zeugnisgenehmer gegeben zu sein haben, um eine Autorit\u00e4t als solche wahrzunehmen und zu nutzen.<\/p>\n<p>Eine Reihe von Empfehlungen, die den Umgang mit Texten im Blick auf die Akzeptanz von Wissensanspr\u00fcchen restringieren, erkl\u00e4rt sich aus der Theorie induktiver Rationalit\u00e4t \u2013 scheinbar irrationales Handeln erscheint so aufgrund lokaler Rationalit\u00e4t als rational. Da ist beispielsweise das Verbot von Schriften eines Autors selbst dann, wenn sie zugestandenerma\u00dfen nichts Inkriminierendes enthalten. Doch die Aufnahme solcher Texte k\u00f6nnte beim Leser eine Reputation des Autors aufbauen, die dann per induktiver Rationalit\u00e4t auf Wissensanspr\u00fcche ausgedehnt wird, die aus der Sicht der zensurierenden Instanz vollkommen inakzeptabel sind. Das ist konfessionsunabh\u00e4ngig und im wesentlichen auch der Hintergrund f\u00fcr alle Formen der Purifizierung etwa antiker Autoren, und es wird best\u00e4tigt durch den Umstand, dass man diese Purifizierungen adressaten- und alterstufenbezogen ausrichten konnte: Das Verm\u00f6gen zur induktiven Rationalit\u00e4t gilt mithin als wandelbar, nicht zuletzt aber abh\u00e4ngig vom Wissen. Die andere Seite ist nicht der Reputationszugewinn, sondern der Reputationsverlust, den ein Autor aufgrund zugeschriebener ,Irrt\u00fcmer\u2018 erleiden kann. Mittels der gleichen induktiven Rationalit\u00e4t bedrohen Irrt\u00fcmer seine Autorit\u00e4t und damit die Anerkennung von Wissensanspr\u00fcchen, die zuvor als wahr oder glaubw\u00fcrdig erscheinen. Dieses Bedenken gegen\u00fcber der ,klugen\u2019 Handhabung der induktiven Rationalit\u00e4t besteht freilich nicht allein bei profanen Texten, sondern es gewinnt dramatische Z\u00fcge bei der Heiligen Schrift selbst, wenn es hei\u00dft, dass ihre Autorit\u00e4t nicht den kleinsten Irrtum vertrage. Zwar mochte man \u00fcber eine Theorie der Autorit\u00e4t zu verf\u00fcgen, aber das jeweils gef\u00e4llte praktische Urteil hinsichtlich der St\u00fctzung eines Wissensanspruchs mittels eines<em>argumentum<\/em>\u00a0<em>ab<\/em>\u00a0<em>auctoritate<\/em>\u00a0lie\u00df sich nicht aus ihr ableiten, sondern solche Urteile werden von der Theorie nur umgrenzt. Die Theorie bietet nicht mehr als die philosophisch(-theologische) Rahmung f\u00fcr die Auszeichnung bestimmter Merkmale, die sich f\u00fcr Schl\u00fcsse auf die Glaubw\u00fcrdigkeit des Zeugnisgebers nutzen lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Verallgemeinerungen im Rahmen induktiver Rationalit\u00e4t entwickeln sich zwar im Blick auf die Wissensanspr\u00fcche in Texten, laufen aber \u00fcber den Autor, der erst die unterschiedlichen Texte, in denen sich die Wissensanspr\u00fcche finden, miteinander verkn\u00fcpft und so den Induktionsbereich des Schlie\u00dfens von der G\u00fcte eines Wissens auf die Geltung anderer Wissensanspr\u00fcchen konstituiert. Der Autor als Instanz erf\u00e4hrt denn auch konsequent seine Ausblendung in der hohen Zeit der Autorit\u00e4tskritik: Locke plante 1660 die anonyme Ver\u00f6ffenlichung eines Traktats mit der Begr\u00fcndung: &#8220;by concealing my name [I] leave thee concerned for nothing but the arguments themselves (Two Tracts on Government, ed. Abrams, S. 118). Pointiert Lessing: \u201ewo die Vernunft auf ihrem eigenen Wege nur Gr\u00fcnde pr\u00fcfen soll: was soll da der Name des, der das blo\u00dfe Organ dieser Gr\u00fcnde ist.\u201c \u201eWer mir den unbekannten, als Autorit\u00e4t geltenden Verfasser eines Buches enth\u00fcllt, dient nicht so sehr meinem Nutzen als meiner Neugier. Im Gegenteil, er bringt mir nicht selten Schaden, weil er dem Vorurteil Raum gibt.\u201c Die induktive Rationalit\u00e4t sieht sich nun bedroht durch den Vorwurf des Erzeugens von Vorurteilen. B\u00fcndig, wie zu erwarten, dann Kant, der im Rahmen seiner Er\u00f6rterung des \u201eVorurteil[s] des Ansehens der Person\u201c schreibt: \u201e[&#8230;] Vernunftwahrheiten gelten anonymisch; hier ist nicht die Frage: Wer hat es gesagt, sondern was hat er gesagt?\u201c Das h\u00e4tte nun freilich Thomas von Aquin ebenso sagen k\u00f6nnen und hat es sogar gesagt. Gleichwohl hat sich etwas am Umgang mit den Autorit\u00e4ten \u2013 zumindest im Selbstverst\u00e4ndnis und in der Selbstdarstellung \u2013 ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Obwohl man vermutlich immer, nicht zuletzt auch die ,Scholastiker\u2019, vor einem zu ausgreifenden, ,unvern\u00fcnftigen\u2019 R\u00fcckgriff auf die Autorit\u00e4ten gewarnt hat: nur ein Beispiel:\u201e[\u2026] alioquin si nudis auctoribus magister quaestionem determinet, certificabitur quidem auditor quod ita est, sed nihil scientiae vel intellectus acquiret, et vacuus abscedet\u201c (Thomas von Aquin, Quaestiones quodlibetales [1256-59], IV, q 9, a 3), das Pendant f\u00fcr die (nur menschlichen) Auslegungen der Heiligen Schrift findet sich auch; unter Bezug auf Augustins G<em>enesis ad Litteram<\/em>\u00a0hei\u00dft es bei Thomas, dass an ihrer Wahrheit unersch\u00fctterlich (<em>inconcusse<\/em>) festzuhalten sei, aber da sie verschieden ausgelegt werden k\u00f6nne (<em>multipliciter<\/em>\u00a0<em>exponi<\/em>\u00a0<em>possit<\/em>), d\u00fcrfe man sich an keine der Auselgungen so binden, dass man beim Nachweis ihrer Falschheit sich gen\u00f6tigt sieht, an ihr als dem (richtigen) Sinn der Heiligen Schrift dennoch festzuhalten (<em>Sth<\/em>, I, q 68, a 1 c). Hat man immer auch betont, dass es weniger um die Autorit\u00e4ten als vielmehr um die Wahrheit dessen gehe, was von ihnen dargebotenen wird \u2013 limpide: \u201e[\u2026] quia studium philosophiae non est ad hoc quaod sciatur quid homines senserint, sed qualiter se habeat veritas rerum\u201d (Thomas, In Aristotelis Libros De caelo [1272\/73], I, lect 22 ) \u2013 und dass man immer wieder sich beflei\u00dfigte, zu betonen, dass die Wahrheit der vorgelegten Argumente nicht auf der Au\u00adtorit\u00e4t derjenigen beruhten, von denen sie stammen, sondern auf den (Vernunft-)Gr\u00fcnden, die sie bieten: \u201e[&#8230;] dicendum quod in quantum sacra doctrina utitur philosophicis documentis propter se, non recipit ea propter auctoritatem dicentium, sed propter rationem dic\u00adtorum, unde quaedam bene dicta accipit et alia res\u00adpuit\u201c (Thomas, In Boetium de Trinitate [1258-59], q 2, a 2 ad 8) \u2013, ist es auf der anderen Seite keine Frage, dass die Verwendung des\u00a0<em>argumentum ab auctoritate<\/em>\u00a0oder der<em>probatio<\/em>\u00a0<em>per testes<\/em>\u00a0immer pr\u00e4sent ist und das in mitunter scheinbar abstruser Weise. Dass sich hier ein\u00a0<em>Erkl\u00e4rungsproblem<\/em>\u00a0stellt, ist aufgrund der Vernachl\u00e4ssigung der Autorit\u00e4tstheorie bislang kaum in den Blick gekommen: Es gilt zu erkl\u00e4ren, wie Glaubw\u00fcrdigkeit und Autorit\u00e4t entstehen, sich \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum stabilisieren und sich dann die epistemische Situation so wandelt, da\u00df dies immer weniger gelingt, zumindest bei einigen der herk\u00f6mmlichen Autorit\u00e4ten.<\/p>\n<p><strong><br \/>\nThesen zu Tendenzen, die sich im Projekt bislang abzeichnen:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Es \u00e4ndert sich (zun\u00e4chst) weniger etwas an der Theorie der Autorit\u00e4t als an den (ausgezeichneten) Autorit\u00e4ten. Als praktisch vollzogener schlu\u00df \u00e4nder sich am<em>argumentum ab auctroritate<\/em>\u00a0wenig. So erkundigte sich angesichts seiner Verst\u00e4ndnisprobleme der mathematischen Argumente in Newtons\u00a0<em>Philosophia<\/em><em>Naturalis<\/em>\u00a0<em>Principia<\/em>\u00a0<em>Mathematica<\/em>\u00a0Locke hinsichtlich ihrer Wahrheit bei Hughens (wie der Sch\u00fcler und Freund Newtons J. T. Desagulier berichtet). Huyghens versicherte ihm, dass sie wahr seien, worauf Locke sie denn auch f\u00fcr wahr hielt. Im Blick auf auf die Autori\u00e4tslehre hat Locke ,rational&#8217; gehandelt: Nicht nur hat er jemandem von hoher Kompetenz vertraut, zudem konnte er von der Aufrichtigkeit Huyghens als einem strengen Kritiker der Physik Newtons Locke ausgehen.<\/li>\n<li>Ausgetragen wird diese Auseinandersetzung \u00fcber die ver\u00e4nderten Autorit\u00e4ten nicht (so sehr) im Rahmen einer kritischen Er\u00f6rterung der Theorie der Autorit\u00e4t, sondern (a) durch ver\u00e4nderte Konzepte der Vertrauensw\u00fcrdigkeit, (b) durch ver\u00e4nderte epistemische Anforderungen an bestimmte Wissensanspr\u00fcche, die grunds\u00e4tzlich als durch ein (nur) probables\u00a0<em>argumentum ab auctoritate<\/em>\u00a0nicht erreichbar erscheinen. Im ersten Fall (a) ist immer wieder eine Asymmetrie entscheidend, die als der Unterschied zwischen Autostereotyp und Heterostereotyp in Erscheinung tritt: In der Regel nimmt man sich selber (im Autostereotyp) als nicht autorit\u00e4tsgl\u00e4ubig wahr, sondern es sind immer die anderen im Rahmen eines Heterostereotyps (das wiederum in der Regel nicht mit deren Autostereotyp \u00fcbereinstimmt). Das schient gleich zu bleiben.<\/li>\n<li>Im zweiten Fall (b) gibt es zwei recht unterschiedliche Auspr\u00e4gungen: (i) es wird ein Vorgehen der Wissensproduktion entworfen, das die Reduktion (also das, was die Theorie des Testimoniums fordert) actualiter zu erzeugen verspricht. Einmal erzeugt, bewahrt sich seine Konstanz in der Erinnerung an seinen eigenen, wenn auch vergangenen Wissenszustand. Vereinfacht gesagt, k\u00f6nnte das das Modell unschreiben, das Descartes entwirft. (ii) bei der anderen Auspr\u00e4gung muss die Reduktion zwar nicht realisiert sein, wenn man berechtigt ist, einem (entsprechend) ausgezeichneten Wissensanspruch zuzustimmen, aber es wird ein Verfahren in Vorschlag gebracht, das zu grunds\u00e4tzlich jeder Zeit und f\u00fcr jede Person den Vorgang der Reduktion zu vollziehen erlaubt. Vereinfacht gesagt, ist das das Modell der entstehenden\u00a0<em>experimentall<\/em>\u00a0<em>Philosophy<\/em>.<\/li>\n<li>Dabei kommt es zu einer Reihe mehr oder weniger neuer Schlu\u00dffolgerungen im Rahmen der\u00a0<em>probatio per testes<\/em>; nur ein Beispiel<em>:<\/em>\u00a0So kann Niels Stensen nicht nur sagen (<em>Defensio epistolae de proria conversione<\/em>, in: Op. theol. ed. Larsen\/Scherz, S. 389), da\u00df ihn Gott den Aufbau des Herzens und der Muskeln erkennenhabe lasse, so da\u00df die scharsinnigen Konstrukitonen (eines Descartes) ,ohne Worte, allein durch Autopsie&#8217; (<em>sine veris per solam autiopsiam<\/em>) umgeworfen habe, sondern er schlie\u00dft daraus auf die Glaubw\u00fcrdigkeit: Wer w\u00fcrde den Aussagen solcher M\u00e4nner, die nicht wenigen wie ,Porphteen&#8217; erscheinen, \u00fcber Gott und Seele, die der experimentellen Forschung unzug\u00e4nglich sind, vertrauen, wenn sie schon in dieser (vergleichsweise) so einfachen und so klaren, durch den R\u00fcckgang auf die Erfahrung verb\u00fcrgten Sache falsche Behauptungen aufstellen?<\/li>\n<li>Die Versuche der sozialen Erkl\u00e4rung eines Erzeugens virtueller Zeugenschaft bei den fr\u00fchen Experimentalberichten im rahmen der\u00a0<em>experimentall<\/em>\u00a0<em>Philosophy<\/em>\u00a0greifen viel zu kurz, wenn sie die epistemische Situation nicht ber\u00fccksichtigen: Die Theorie des Testimoniums bleibt trotz gewandelten Erfahrungsbegriff unver\u00e4ndert. Die einzige, sp\u00e4ter dann die experimentellen Wissenschaften kennzeichnende Zutat besteht darin, dass man die Zur\u00fcckf\u00fchrung der kunstlosen auf die kunstgerechten Argumente, in diesem Fall auf das der Autopsie, mit einem Versprechen verbinden konnte: Es ist das Versprechen der grunds\u00e4tzlichen, personenunabh\u00e4ngigen Reproduzierbarkeit der experimentellen Befunde. Es besagt, dass die von der Theorie des Testimoniums geforderte Zur\u00fcckf\u00fchrung jeder Zeit vollzogen werden k\u00f6nnte. Damit erf\u00e4hrt dieses testimonale Wissen eine Legitimation wie kein anderes hinsichtlich der Glaubw\u00fcrdigkeit des einzelnen Zeugnisgebers mit seiner Aufrichtigkeit bieten konnte.<\/li>\n<li>Das im 17. Jahrhundert exponierte Kriterium der Reproduzierbarkeit stellt sich so als eine spezifische Entwicklung der Theorie des Testimoniums dar. Das oft als \u201enihil in verbis\u201c fehlgedeutete Motto \u201eNullius in verba\u201c der Royal Society ist eine durch eine Horaz-Entlehnung stilisierte Variante der\u00a0<em>Magis-Amica-Veritas<\/em>-Sentenz und es meint weniger die Zur\u00fcckweisung der Rhetorik, als vielmehr aller (menschlichen) Autorit\u00e4ten. Wenn am Anfang der Konflikt zwischen der zunehmenden Bedeutung experimentell erzeugter, singul\u00e4rer Anspr\u00fcche auf Wissen und einem aristotelischen Erfahrungsbegriff steht, der diesen Status nur allgemeinen Erfahrungen zubilligt &#8211; was dazu f\u00fchrt, dass die ersten experimentellen Erfahrungsberichte eher Reiseberichten aus fernen L\u00e4ndern \u00e4hneln (hinsichtlich der textuellen Signale der Glaubw\u00fcrdigkeit) -, \u00e4ndert sich das ebenso schnell wie radikal: textuelle Indikatoren, die beim Leser Glaubw\u00fcrdigkeit erzeugen sollen, verlieren proportional zur institutionalisierten Rahmung und der einhergehenden Kodifizierung der Darstellungsformen an Pr\u00e4senz. Glaubw\u00fcrdigkeit hat immer weniger mit der Ostentation individueller Aufrichtigkeit zu tun, sondern verb\u00fcrgt sich durch institutionelle Rahmung &#8211; sp\u00e4ter dann: sollte sich durch institutionelle Rahmung verb\u00fcrgen, also durch ein institutionalisiertes Wissenschaftsethos.<\/li>\n<li>Es scheint sich etwas in den orientierenden Annahmen zu \u00e4ndern, nach denen es \u00fcberhaupt als n\u00fctzlich erscheint, sich mit vergangenen Wissensanspr\u00fcchen zu besch\u00e4ftigen. Zu ihnen geh\u00f6rt das, was sich\u00a0<em>epidosis<\/em>-Pirnzip nennen l\u00e4sst. Bei Aristoteles (Metaph, II, 1) hei\u00dft es: \u201eDie Betrach\u00adtung der Wahrheit ist in ei\u00adner Hinsicht schwer, in einer anderen leicht. Dies zeigt sich darin, dass nie\u00admand sie in ge\u00adb\u00fchrender Weise erreichen, aber auch nicht alle ver\u00adfehlen k\u00f6nnen, son\u00addern ein jeder etwas Richtiges \u00fcber die Natur sagt, und wenn sie einzeln genommen nichts oder nur wenig zu derselben bei\u00adtragen, so ergibt sich doch aus der Zusammenfassung aller eine gewisse Gr\u00f6\u00dfe.\u201c Thomas von Aquin (<em>In Aristotelis libros<\/em>\u00a0<em>Metaphysicorum expositio<\/em>\u00a0II, lect. 1, nr. 287 wird betonen, dass selbst fr\u00fchere Irrt\u00fcmer eine in\u00addirekte Hilfe zur Erkenntnis der Wahrheit seien. Anders formuliert: Man nimmt an, dass derjenige, der sich gewissenhaft und kompetent mit einem strittigen Thema besch\u00e4ftigt hat, nicht etwas dazu beitr\u00e4gt, das ganz irrig, das ganz nichtig, sondern in der einen oder anderen Weise erhellend ist. Sowhl die, deren Wissensanspr\u00fcche man zur\u00fcckweist, als auch die, eren Wissenanspr\u00fcche man folgt, seien wertzusch\u00e4tzen, denn bei h\u00e4tten sich bem\u00fcht, die Wahrheit zu fidnen, und h\u00e4tten sp\u00e4tren dabei geholfen (so Thomas, ebd., XIII, lect. 9, nr. 2566). Daraus spricht eine Auffassung, die beispielsweise Descartes gerade nicht zu teilen scheint: Die Vielzahl der\u00a0<em>opinones<\/em>\u00a0erscheint ihm nicht als eine Ganzes, sondern als ein widerstreitendes Gemenge, dem die\u00a0<em>certitudo<\/em>\u00a0der<em>einen<\/em>\u00a0Wahrheit entgegengesetzt wird. Besch\u00e4ftige man sich mit solchen<em>opiniones<\/em>, dann sei man eher Historiker denn Philosoph (<em>Regulae<\/em>\u00a0III, 2).<\/li>\n<li>Eine immer strittiger werdende Frage ist die nach der Akzeptanz von Pr\u00e4sumtionen, also hier: der des Vertrauensvorschusses bei der\u00a0<em>probatio per testes<\/em>. Als Tendenz scheint sich eine umgekehrt proportionale Entwicklung darzubieten: Immer weniger erscheint der Vertrauensvorschuss (gegen\u00fcber einem argumentum ab auctoritate) als gerechtfertigt und immer schwieriger (aufwendiger) wird zugleich die Zug\u00e4nglichkeit zum Wissen.<\/li>\n<li>Tendenz der Ersetzung der nicht kunstgem\u00e4\u00dfen Argumentationen zur St\u00fctzung eines Wissensanspruchs durch artifizielle \u2013 und das findet sich nicht allein im Rahmen der Philosophie, sondern auch beispielsweise in dem der (Bibel-)Philologie.<\/li>\n<li>Tendenz, die menschliche Autorit\u00e4tstheorie auf die g\u00f6ttliche zu \u00fcbertragen. Insbesondere gemeint sind damit Versuche, f\u00fcr den Glauben im theologischen Sinn die Annahme der Reduzierbarkeit auf\u00a0<em>argumenta<\/em>\u00a0<em>intrinseca<\/em>\u00a0einzuf\u00fchren &#8211; so bei bestimmten Varianten der\u00a0<em>theologia<\/em>\u00a0<em>naturalis<\/em>; des Deismus, des nat\u00fcrlichen Beweises auch der Eigenschaften Gottes, von denen (allein) die Heilige Schrift k\u00fcndet (und die man nach traditioneller Auffassung eines solchen Beweise f\u00fcr nicht zug\u00e4nglich gehalten hat, sondern allein dem Glauben).<\/li>\n<li>Der Vertrauensverlust nimmt zu, nicht zuletzt auch durch die Klugheitslehren, nach denen die Verstellung klug ist, um das Leben zu meistern: Umso gr\u00f6\u00dfer das Wissen um die Indikatoren, die vertrauenserweckend wirken, desto subtiler werden die Mittel des T\u00e4uschens. Es bilden sich zwei Tendenzen: die eine reduziert das Vertrauen tendenziell auf die Kompetenzkomponente, die andere auf die Aufrichtigkeitskomponente.<\/li>\n<li>Tendenz des wachsenden Misstrauens gegen\u00fcber der induktiven Rationalit\u00e4t der Autorit\u00e4tstheorie: Von der Erzeugerin oder Stabilisiererin von Vertrauen zur Produzentin von Vorurteilen (<em>praejudicia<\/em>\u00a0<em>auctoritatis<\/em>)<\/li>\n<li>Tendenziell entstehen Konflikte zwischen der zunehmenden Unzug\u00e4nglichkeit des Wissens und der Transformation der\u00a0<em>loci<\/em>\u00a0<em>artficialia<\/em>\u00a0zum emphatischen Konzept des Selbstdenkens.<\/li>\n<li>Tendenz zur sozialen Beschr\u00e4nkung des\u00a0<em>argumentum<\/em>\u00a0<em>ab<\/em>\u00a0<em>auctoritate<\/em>, indem sein Einsatz gerechtfertigt erscheint allein aufgrund spezieller Eigenschaften des Zeugnisnehmers (bei ,Ungebildeten\u2019, ohne Verm\u00f6gen des ,Selbstdenkens\u2019, usw.)<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong><em>Verkn\u00fcpfungen<\/em><\/strong><\/p>\n<ul>\n<li><a style=\"font-weight: bold; color: #336294;\" title=\"Quelle, Einfluss\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=1573\">Quelle, Einflu\u00df<\/a><\/li>\n<li><a style=\"font-weight: bold; color: #336294;\" title=\"Hermeneutische Wahrscheinlichkeit in der Fr\u00fchen Neuzeit\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=407\">Hermeneutische Wahrscheinlichkeit in der Fr\u00fchen Neuzeit<\/a><\/li>\n<li><a style=\"font-weight: bold; color: #336294;\" title=\"Hermeneutik um 1600: logica und probatio theologica\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=418\">Hermeneutik um 1600:\u00a0<em>Logica<\/em>\u00a0und\u00a0<em>probatio<\/em>\u00a0<em>theologica<\/em><\/a><\/li>\n<li><a style=\"font-weight: bold; color: #336294;\" title=\"List, L\u00fcge und die Logik von Wissen und Verstehen im 17.\/ 18. Jahrhundert\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=411\">List, L\u00fcge und die Logik von Wissen und Verstehen im 17.\/ 18. Jahrhundert<\/a><\/li>\n<li><a style=\"font-weight: bold; color: #336294;\" title=\"Hermeneutik um 1800 I: Philosophie, Besserverstehen und sensus moralis\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=422\">Hermeneutik um 1800: Philosophie, Besserverstehen und\u00a0<em>sensus<\/em>\u00a0<em>moralis<\/em><\/a><\/li>\n<li><span style=\"color: #002e61;\"><a style=\"font-weight: bold; color: #336294;\" title=\"Kontrafaktische Imaginationen in der Wissensgeschichte\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=321\">Kontrafaktische Imaginationen in der Wissensgeschichte<\/a><\/span><\/li>\n<li><a style=\"font-weight: bold; color: #336294;\" title=\"Ordnungen des Wissens in der Fr\u00fchen Neuzeit\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=322\">Ordnungen des Wissens in der Fr\u00fchen Neuzeit<\/a><\/li>\n<li><a style=\"font-weight: bold; color: #336294;\" title=\"Darstellungsformen der Vermittlung wissenschaftlicher Wissensanspr\u00fcche\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=320\">Darstellungsformen der Vermittlung wissenschaftlicher Wissensansp\u00fcche<\/a><\/li>\n<li><a style=\"font-weight: bold; color: #336294;\" title=\"Goethe als Naturwissenschaftler im Streit um den Wissenschaftsbegriff\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=325\">Goethe als Naturwissenschaftler im Streit um den Wissenschaftsbegriff<\/a><\/li>\n<li><a style=\"font-weight: bold; color: #336294;\" title=\"Wissenschaftskonkurrenz\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=1576\">Wissenskonkurrenz<\/a><\/li>\n<li><span style=\"color: #336294;\"><b>Vorl\u00e4ufer, Epigone<\/b><\/span><\/li>\n<li><span style=\"color: #336294;\"><b>Konsens und Dissens: Konzeptionen epistemischer Intersubjektivit\u00e4t<\/b><\/span><\/li>\n<li><a style=\"font-weight: bold; color: #336294;\" title=\"Intellektuelle Konflikte: Epistemologie und Rhetorik\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=48\">Intellektuelle Konflikte: Epistemologie und Rhetorik<\/a><\/li>\n<li><a style=\"font-weight: bold; color: #336294;\" title=\"Theoriegeschichte des Ruhms\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=50\">Theoriegeschichte des Ruhms<\/a><\/li>\n<li><a style=\"font-weight: bold; color: #336294;\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=54\">Theorie esoterischer Kommunikation<\/a><\/li>\n<li><a style=\"font-weight: bold; color: #336294;\" title=\"Popularisierung von Wissen\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=56\">Popularisierung von Wissen<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p><strong><em>Vorarbeiten<\/em><\/strong><\/p>\n<ol>\n<li>Lutz Danneberg, S\u00e4kularisierung, epistemische Situation und Autorit\u00e4t. In: Id. et al. (Hg.) S\u00e4kularisierung in den Wissenschaften seit der Fr\u00fchen Neuzeit. Bd. 2: Zwischen christlicher Apologetik und methologischem Atheismus. Berlin\/New York 2002, S. 19-66<\/li>\n<li>-: Die Anatomie des Text-K\u00f6rpers und Natur-K\u00f6rpers: das Lesen im\u00a0<em>liber naturalis<\/em>und\u00a0<em>supernaturalis<\/em>. Berlin\/New York 2003<\/li>\n<li>-:\u00a0<a href=\"https:\/\/fheh.org\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/kontrafakt-v01.pdf\">Kontrafaktische Imaginationen<\/a>\u00a0in der Hermeneutik und in der Lehre des Testimoniums. Version 24. 10. 2009; FHEH-Preprint; gek\u00fcrzte Fassung in: L. Danneberg, Carlos Spoerhase und Dirk Werle (Hg.), Begriffe, Metaphern und Imaginationen in der Wissenschaftsgeschichte.\u00a0Wiesbaden 2009, S 287-449.<\/li>\n<li>Carlos Spoerhase, Dirk Werle und Markus Wild (Hg.), Unsicheres Wissen. Skeptizismus und Wahrscheinlichkeit, 1550-1850. Berlin\/New York 2009.<\/li>\n<li>Lutz Danneberg,\u00a0<a href=\"https:\/\/fheh.org\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/PyrrhoLD.doc\">Pyrrhonismus hermeneuticus<\/a>,\u00a0<em>probabilitas<\/em>\u00a0<em>hermeneutica<\/em>\u00a0und hermeneutische Approximation. In: Carlos Spoerhase et al. (Hg.), Unsicheres Wissen [&#8230;]. Berlin\/New York\u00a02009, S. 365-436, wesentlich erweiterte Fassung 08. 02. 2017<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>Kontakt:\u00a0<\/strong><a style=\"font-weight: bold; color: #336294;\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=2237\">Lutz Danneberg<\/a>,\u00a0<a style=\"font-weight: bold; color: #336294;\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=2279\">Carlos Spoerhase<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bearbeitung: Lutz Danneberg, Carlos Spoerhase Das Thema\u00a0auctoritas\u00a0und\u00a0testimonium\u00a0hat mittlerweile nicht geringe Aufmerksamkeit gefunden. 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