{"id":411,"date":"2015-01-04T15:25:08","date_gmt":"2015-01-04T14:25:08","guid":{"rendered":"http:\/\/serverle.ilw.uni-stuttgart.de\/fheh\/?page_id=411"},"modified":"2017-03-24T18:03:30","modified_gmt":"2017-03-24T17:03:30","slug":"list-luege-und-die-logik-von-wissen-und-verstehen-im-17-18-jahrhundert","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/fheh.org\/?page_id=411","title":{"rendered":"List, L\u00fcge und die Logik von Wissen und Verstehen im 17.\/ 18. Jahrhundert"},"content":{"rendered":"<p style=\"color: #333333;\"><span style=\"font-weight: bold; font-style: inherit; color: #666666;\">Bearbeitung: Lutz Danneberg<\/span><\/p>\n<p style=\"color: #333333;\">Im Blick auf die Aufrichtigkeit als einer der traditionellen Verhaltesnerwartungen ist im 17. Jahrhundert vieles in Wandlung begriffen Nicht zu Unrecht hat die\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">eloquentia corporis<\/em>\u00a0mit\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">simulatio<\/em>\u00a0und\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">dissimulatio<\/em>\u00a0in besonderen sozialen R\u00e4umen menschlichen Umgangs \u2013 etwa h\u00f6fischen Gesellschaften \u2013 besondere Aufmerksamkeit gefunden. Gleiches gilt f\u00fcr zwei Werke, die immer wieder die Er\u00f6rterung von Unaufrichtigkeit und Verstellung im 17. Jahrhundert angestachelt haben. Niccol\u00f2 Machiavellis (1469-1527)\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">Il Principe<\/em>\u00a0von 1532 \u2013 zweimal (1559 und 1564) wird es auf den\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">Index librorum probitorum<\/em>\u00a0gesetzt \u2013 empfiehlt im Rahmen von\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">virt\u00f9<\/em>\u00a0und\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">fortun\u00e0<\/em>\u00a0(mit\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">occasione<\/em>,<em style=\"font-weight: inherit;\">necessit\u00e0<\/em>\u00a0und\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">qualita de\u2019 tempi<\/em>) dem F\u00fcrsten explizit (wenn es die\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">necessit\u00e0<\/em>erfordere) Verstellung, Treuebruch und Heuchelei bei Glaube und Tugend sowie die L\u00fcge \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p style=\"color: #333333;\">Zu den einschl\u00e4gigen Botschaften in Balthasar Graci\u00e1ns (1601-1658) Aphorismensammlung\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">Or\u00e1culo<\/em>\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">manual y arte de prudencia<\/em>\u00a0von 1647 geh\u00f6rt: \u201eMan gelte nicht f\u00fcr einen Mann von Verstellung, obgleich sich\u2019s ohne solche heutzutage nicht leben l\u00e4sst.\u201c Zwar hat die Klugheit immer schon die Beherrschung der Affekte und die Beschr\u00e4nkung der fremden Zug\u00e4nglichkeit zum eigenen Selbst geregelt, doch bei Graci\u00e1n, der neben der T\u00e4tigkeit als Prediger und Beichtvater, geraume Zeit als Professor f\u00fcr Moraltheologie, Philosophie und Bibelexegese wirkte, erfasst das letztlich jeden Lebensbereich im Zuge der eigenen situationsangemessenen Anpassung an eine als bedrohlich wahrgenommene Welt von Verstellungen und T\u00e4uschungen. Im Rahmen einer ,pessimistischen Anthropologie\u2019, nach der Menschen haupts\u00e4chlich durch ihren Trieb zur Selbsterhaltung, aber wenig von Tugenden bestimmt sind, beschr\u00e4nkt sich die Gewieftheit in der Kunst der Verstellung nicht mehr allein auf die h\u00f6fische Gesellschaft mit ihren Hierarchien und l\u00e4ngst wird sie nicht mehr bedient durch normierende Traktate zum Ideal eines tugendhaften und vollkommenen Hofmanns.<\/p>\n<p style=\"color: #333333;\">Gleichwohl k\u00f6nnen im 17. wie im 18. Jahrhundert neben ,Staatsr\u00e4son\u2019, ein Konzept, das sich seit dem Beginn des 16. Jahrhunderts ausbildet,<em style=\"font-weight: inherit;\">sinc\u00e9rit\u00e9<\/em>\u00a0und<em style=\"font-weight: inherit;\">authenticit\u00e9<\/em>\u00a0zu Schlagw\u00f6rtern des Lebensgef\u00fchls werden, etwa als ein unverstellter R\u00fcckgriff auf sich selbst oder als Verteidigung eigener Identit\u00e4t in einer sich verstellenden Welt. Die Linien laufen denn auch geraume Zeit parallel, nicht zuletzt mit dem Ideal eines\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">Princeps christianus<\/em>, der die Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr die<em style=\"font-weight: inherit;\">prudentia regnativa<\/em>, die Regierungsklugheit, bietet. Sicherlich lie\u00dfe sich bei den bislang von der Forschung gepflegten Aspekten noch einiges erkunden \u2013 etwa \u00fcber die ethischen Probleme, die sich den Zeitgenossen angesichts des christlichen Verbots von L\u00fcge und Verstellung im Zuge der Rezeption der genannten, aber auch anderer Werke stellen. Wohl mehr noch gilt das f\u00fcr die jeweiligen Begr\u00fcndungen der Erfordernis von Verstellung und L\u00fcge. So beruht Graci\u00e1ns wohl zentrale Handlungsanweisung auf einer doppelten kontrafaktischen Annahme:\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">Man wende die menschlichen Mittel an, als ob es keine g\u00f6ttlichen, und die g\u00f6ttlichen, als ob es keine menschlichen g\u00e4be. Gro\u00dfe Meisterregel, die keines Kommentars bedarf<\/em>. Bedauerlich ist, da\u00df diese \u201eMeisterregel\u201c, besser wohl ,Regel des Meisters\u2019, vom\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">j\u00e9suite espagnol<\/em>\u00a0auch unkommentiert bleibt. Sie ist merkw\u00fcrdiger Weise die einzige Regel in seinem<em style=\"font-weight: inherit;\">Or\u00e1culo<\/em>\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">manual y arte de prudencia<\/em>, bei der ein Kommentar unterbleibt, wobei sie dem Regeltext nach die l\u00e4ngste ist im Vergleich zur knappen Pr\u00e4gnanz der anderen. Auch wenn Ignatius von Loyola (1491-1556) eine parallele Formulierung bietet, ist diese\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">regula<\/em>\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">de gran maestro<\/em>\u00a0alles andere als leicht zu deuten. Sie erinnert an kontrafaktische Imaginationen der Nichtexistenz Gottes, etwa in Hugo Grotius\u2019 (1583-1645)\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">De Jure belli et pacis<\/em>, also die methodologische Konzentration auf die Zweitursachen im Rahmen des ber\u00fchmten\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">Etiamsi-daremus<\/em>-Prinzips. Wie auch immer bei Grotius dieses Prinzip zu deuten ist, freilich ist er weder ist er der einzige noch der erste gewesen.<\/p>\n<p style=\"color: #333333;\">Obwohl bislang kaum n\u00e4her gew\u00fcrdigt, geschweige denn im Zusammenhang mit den sich ver\u00e4ndernden Vorstellungen des Philosophierens und des Verstehens gesehen, bieten einen vielleicht noch sichtbareren Ausdruck der sich vollziehenden Wandlungen bei den Problemen von Aufrichtigkeit und Unaufrichtigkeit im 17. Jahrhundert drei Konzepte: der (<em style=\"font-weight: inherit;\">minus<\/em>)<em style=\"font-weight: inherit;\">\u00a0probabilismus<\/em>, die\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">reservatio\u00a0<\/em>(<em style=\"font-weight: inherit;\">restrictio<\/em>)\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">mentalis<\/em>\u00a0und die\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">aequivocatio<\/em>\u00a0(<em style=\"font-weight: inherit;\">locutio<\/em>\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">ambigua<\/em>). Zumindest zwei von ihnen hatten sogar in der Zeitspanne von 1530 bis 1650 keine sonderlich gute Presse. Hinzukommt, dass ihre Er\u00f6rterung besonders von katholischen, nicht zuletzt von jesuitischen Gelehrten gepflegt wurde. So sind die beiden ersten \u2013 (<em style=\"font-weight: inherit;\">minus<\/em>)\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">probabilismus<\/em>\u00a0und\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">reservatio mentalis<\/em>\u00a0\u2013 besonders umstritten gewesen und geradezu sprichw\u00f6rtlich f\u00fcr die Moralvorstellungen der Jesuiten geworden. Im 17. und 18. Jahrhundert waren bestimmte Formen des moralischen Probabilismus ebenso wie Varianten der\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">reservatio mentalis<\/em>, weniger die\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">aequivocatio<\/em>, auch unter den Katholiken und im Orden selbst ebenso heftig umstrittene wie sie komplexe Instrumente der Linderung von Problemen eines Lebens unter dem Gebot der Aufrichtigkeit waren.<\/p>\n<p style=\"color: #333333;\"><em style=\"font-weight: inherit;\">Ex post<\/em>, dabei herausgel\u00f6st aus den konfessionellen Auseinandersetzungen und gesehen aus einer Welt, in der mehr denn je \u2013 wie es zeitgen\u00f6ssisch hie\u00df \u2013 ein<em style=\"font-weight: inherit;\">Laximus<\/em>\u00a0die Beziehungen zum N\u00e4chsten orientiert, k\u00f6nnen\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">aequivocatio<\/em>,<em style=\"font-weight: inherit;\">reservatio mentalis<\/em>\u00a0wie\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">probabilismus<\/em>\u00a0als Versuche erscheinen, nicht allein dr\u00e4ngende Probleme des innerkirchlichen Lebens zu regulieren, sondern das mit den Gegebenheiten und Umst\u00e4nden des sozialen Zusammenlebens konfrontierte Handeln im Blick auf das eigene Gewissen zu entlasten. Das herk\u00f6mmliche und erlaubte Mittel, um etwa indiskreten Frage zu entgehen, war das Schweigen \u2013 als Mittel nur in wenigen Konstellationen effektiv (,beredtes Schweigen\u2019), so dass nicht mehr als Gottvertrauen blieb. Allein angesichts der Gerichtspraxis im Zuge der Strafverfolgung, bei der ein Recht der Zeugnisverweigerung selbst f\u00fcr den Angeklagten noch unbekannt war und man zur Offenlegung anvertrauter Angelegenheiten (etwa das Beichtgeheimnis bei den Katholiken) gewaltsam gezwungen werden konnte, lassen sich solche Auflockerungen auch im Zusammenhang mit der Abwehr absolutistischer Willk\u00fcr wie im Rahmen der sich ausbildenden Rechtskultur deuten.<\/p>\n<p style=\"color: #333333;\">Mit dem Beginn des 16. Jahrhunderts konnte f\u00fcr jeden Christen der Versuch, ein aufrichtiges Lebens zu f\u00fchren, in besonderer Weise zur Herausforderung an das eigene Gewissens werden: Es ist der konfessionelle Widerstreit. Eine Vielfalt zu regelnder Probleme des religi\u00f6sen Zusammenlebens entstehen aus diesem Widerstreit, die der alten Kirche faktisch unbekannt waren und zu deren L\u00f6sung komplizierte Vorg\u00e4nge der Verrechtlichung religi\u00f6s motivierter, aber nach dem Kirchenrecht nicht regulierbarer Auseinandersetzungen erforderlichen werden. Ein erhellendes Beispiel bietet die Er\u00f6rterung eines Widerstandsrechts mit dem Versuch, die theologischen Konflikte in Rechtsbeziehung, das theologische Problem in einen Rechtsfall und die vom einzelnen Gl\u00e4ubigen wahrgenommene<em style=\"font-weight: inherit;\">causa religionis<\/em>\u00a0in eine\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">causa iuris<\/em>\u00a0zu verwandeln. Nur erw\u00e4hnt sei, dass es bereits vor Thomas Hobbes (1588-1679) Vorstellungen vom (politischen) Konsens bei Theoretikern des politischen Friedens gegeben hat, der unabh\u00e4ngig vom Ziel der Wahrheit aufgefasst wird, und Widerstand nur dann erlaubt sei, wenn man explizit auf die sicher nachweisliche Unwahrheit verpflichtet wird. Im Zuge der nachreformatorischen Entwicklung bilden sich konfessionell dominierte, aber multikonfessionelle Territorien und mit ihnen das Problem der \u00e4u\u00dferen Befolgerung der alten (oder neuen) Zeremonien, die man innerlich ablehnt \u2013 also die religi\u00f6se\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">dissimulatio\/simulatio<\/em>\u00a0oder der Nikodemismus.<\/p>\n<p style=\"color: #333333;\">Trotz der allseits grunds\u00e4tzlich geteilter Ansicht, dass sich der Glaube nicht erzwingen lasse, wird im Laufe des 16. Jahrhunderts der Konfessionseid auf allen konfessionellen Seiten obligatorisch. So sind auch die Reformatoren, die ,Entdecker des Gewissens\u2019 und gesehen oftmals als Vertreter einer ,Gewissensreligion\u2019, mit der Berufung auf die Freiheit des Gewissens gegen\u00fcber der alten Kirche zwar schnell bei der Hand, haben aber angesichts der Auseinandersetzung mit den ,Schw\u00e4rmern\u2019 und ,Enthusiasten\u2019 immer wieder das ,richtige\u2019 Gewissen der anderen zu reglementieren versucht. Ebenso wenig wie ein\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">pers\u00f6nliches<\/em>\u00a0Gewissen zur Begr\u00fcndung der Freiheit der religi\u00f6sen Bet\u00e4tigung in der Zeit dienen konnte, f\u00fchrte die Berufung auf das Gewissen zur Duldung Andersgl\u00e4ubiger. Die in den protestantischen Bekenntnisschriften durchweg zu findende Formulierung verbindet das Gewissen eng mit dem Wort Gottes (<em style=\"font-weight: inherit;\">cum Deo et<\/em>\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">bona conscientia<\/em>) \u2013 von den\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">Kritikern<\/em>\u00a0immer wieder als zum Buchstabenglauben f\u00fchrend und dem freien Walten des Geistes behindernd gesehen.<\/p>\n<p style=\"color: #333333;\">Angesichts solcher Konflikte im akatholischen Raum hat denn auch das Postulat der freien Zug\u00e4nglichkeit zur Heiligen Schrift massive Regulierung erfahren: Bei der Interpretation des g\u00f6ttlichen Wortes d\u00fcrfe niemand meinen, sein eigener ,Meister\u2019 zu sein, denn Gott habe den Geist nicht an die Buchstaben, sondern an die Vorgesetzten mit ihren Diensten und \u00c4mtern gebunden \u2013 so Martin Luther (1483-1546). Wie Jean Calvin (1509-1564) bemerkt, sei die Heilige Schrift nicht jedem geschenkt, damit er in ihr lese, sondern es sei ein rechtm\u00e4\u00dfiges Amt \u2013<em style=\"font-weight: inherit;\">police<\/em>\u00a0\u2013 von Gott eingesetzt worden, so dass immer Lehrer zur Unterweisung da seien. Die direkte Begegnung mit der Heiligen Schrift bleibt zwar das\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">Prinzip<\/em>, an dem sich das Autostereotyp der Protestanten gegen\u00fcber dem postridentinischen Katholizismus fortw\u00e4hrend zu best\u00e4tigen vermochte, doch die\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">Praxis<\/em>\u00a0sieht vielf\u00e4ltige Kanalisierung dieses Zugangs vor.\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">Sola<\/em>\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">scriptura<\/em>\u00a0umschreibt das Beweiskonzept und das Ideal des Zugangs zum Glauben samt der relevanten Wissensanspr\u00fcche, nicht aber die Bedingungen und Voraussetzungen des Vollzugs \u2013 im Leben wie im Beweisen.<\/p>\n<p style=\"color: #333333;\">Die Diskrepanz zwischen der Forderung, seinem, wenn auch unbemerkt irrenden Gewissen zu folgen, und der Bestrafung des individuellen Glaubensirrtums, d\u00fcrfte sich daraus erkl\u00e4ren, da\u00df in solchen F\u00e4llen das Gewissen als nicht mehr unfreiwillig irrend angesehen wird: Es erscheint als das hartn\u00e4ckige Verharren in einer direkten freiwilligen Unwissenheit (<em style=\"font-weight: inherit;\">ignorantia<\/em><em style=\"font-weight: inherit;\">voluntaria directe<\/em>), als ein b\u00f6swilliges Leugnen der Wahrheit \u2013 der H\u00e4retiker wird durch seine Hartn\u00e4ckigkeit zum\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">L\u00fcgner<\/em>. Allgemein formuliert verbirgt sich dahinter das Problem, dass ein Falschreden (<em style=\"font-weight: inherit;\">falsiloquium<\/em>) nicht eine L\u00fcge sein muss, aber sein kann, und ein offenkundiges Falschreden, das offenbar den gewissesten Wahrheiten widerstreitet, ein sicheres\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">Indiz<\/em>\u00a0f\u00fcr den Verdacht zu sein scheint, dass der Irrtum in Wirklichkeit eine L\u00fcge ist. Das Problem liegt mithin nicht allein (und auch nicht zun\u00e4chst) darin, worin eine L\u00fcge besteht, sondern darin, wie man eine (sprachliche) Handlung als L\u00fcge, als T\u00e4uschung oder Unaufrichtigkeit erkennen kann. Im theologischen Bereich verwandelt sich der Vorwurf des L\u00fcgens denn schnell von der Beziehung zur ,subjektiven\u2019 Absicht des Handelnden (<em style=\"font-weight: inherit;\">intentio<\/em>\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">fallendi<\/em>) in eine ,objektive\u2019 Relation zum<em style=\"font-weight: inherit;\">richtigen<\/em>\u00a0Wissen mit der Folge des tendenziellen Ausschlusses der M\u00f6glichkeit des Irrtums: Es werden Wissens- oder Glaubenskonstellationen imaginiert, nach denen das Verfehlen des richtigen Wissens oder des richtigen Glaubens allein eine Deutung des absichtlichen Irrtums, der L\u00fcge zul\u00e4sst. Jeder beispielsweise, der nicht einsieht, dass er eine religi\u00f6se Scheinexistenz als s\u00fcndiger Mensch f\u00fchrt, heuchelt oder l\u00fcgt. Immer wieder ist es die sich so ausdr\u00fcckende fehlende Gottes- und Selbsterkenntnis: Weder mit dem Hinweis auf die Verderbtheit der eigenen Natur, noch mit Unwissenheit, Irrtum oder Unbedachtsamkeit k\u00f6nne sich der Mensch entschuldigen. Sowohl Luther als auch Calvin kennen ein solches Verfehlen des Glaubens an den wahren Gott als L\u00fcge.<\/p>\n<p style=\"color: #333333;\">Neben dieser Rigidisierung der Identifikation der L\u00fcge, kommt zur Entlastung vom strikten L\u00fcgeverbot durch Konzepte wie\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">reservatio mentalis<\/em>,\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">aequivocatio<\/em>, aber auch\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">probabilismu<\/em>s nicht zuletzt bei dem in vielf\u00e4ltiger Weise bedr\u00e4ngten ,Gewissen\u2019, geschieht das (vereinfacht gesagt), indem man zwar die Striktheit des Verbots beizubehalten versucht, doch die Handlungen, die in bestimmten Konstellationen anf\u00e4llig sind f\u00fcr Unaufrichtigkeit, werden \u2013 und damit das handlungsleitende Gewissen \u2013 im Zuge ihrer Analyse immer komplexer und so erschwert sich die\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">Identifikation<\/em>\u00a0eines Sprechakts als L\u00fcge \u2013 kurzum: Aufgegeben ist, eine Rede gegen die\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">intentio auctoris<\/em>\u00a0und damit\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">richtig<\/em>\u00a0zu ,verstehen\u2019. Am Ende des Jahrhunderts erscheint die Situation als so komplex, dass man um ihrer L\u00f6sung willen bereit ist, das wesentlichste, jeden kontroverstheologischen Dissenses entbehrenden Lehrst\u00fccks sowohl der<em style=\"font-weight: inherit;\">hermeneutica generalis<\/em>\u00a0als auch der\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">hermeneutica sacra<\/em>\u00a0auftzugeben, freilich zun\u00e4chst nur f\u00fcr die allgemeine Hermeneutik. Es ist die\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">interpretatio<\/em>\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">authentica<\/em>als die gewisseste Form der Interpretation \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p style=\"color: #333333;\">Voraussetzung f\u00fcr die in dem Projekt verfolgten Fragestellungen erscheinen zwei Momente: Ohne die\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">ausnahmslose Geltung<\/em>\u00a0des L\u00fcgeverbots (haupts\u00e4chlich initiiert von Augustinus, dann und seinen christlicher (haupts\u00e4chlich initiiert von Augustinus, dann theologisch wie philosophisch subtil begr\u00fcndet von Thomas von Aquin) bleibt die Er\u00f6rterung von Aufrichtigkeit und Unaufrichtigkeit im 17. wie im 18. Jahrhundert in ihrer Heftigkeit weitgehend unverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p style=\"color: #333333;\">Zu den vier Bestimmungsst\u00fccken des Sprechakts des L\u00fcgens geh\u00f6rt zun\u00e4chst das, was sich als\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">inneres<\/em>\u00a0Verwerfen eines Wissensanspruchs\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">W\u00a0<\/em>von\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">A<\/em>, also Vi(<em style=\"font-weight: inherit;\">A<\/em>,<em style=\"font-weight: inherit;\">W<\/em>), sowie das, was sich als \u00e4u\u00dferes Akzeptieren durch\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">A<\/em>, also A\u00e4(<em style=\"font-weight: inherit;\">A<\/em>,\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">W<\/em>) , bezeichnen l\u00e4\u00dft. Hinzutreten die Umst\u00e4nde C, in denen\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">A\u00a0<\/em>die \u00c4u\u00dferung \u00c4(<em style=\"font-weight: inherit;\">A<\/em>,\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">W<\/em>) vollzieht, sowie seine Absicht der T\u00e4uschung (<em style=\"font-weight: inherit;\">intentio<\/em>\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">fallendi<\/em>) IT:\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">A<\/em>\u00a0glaubt mit seiner \u00c4u\u00dferung zu erreichen, da\u00df\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">B<\/em>\u00a0ein inneres Akzeptieren gegen\u00fcber seiner \u00c4u\u00dferung \u00c4(<em style=\"font-weight: inherit;\">A<\/em>,\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">W<\/em>), also Ai(<em style=\"font-weight: inherit;\">B<\/em>, \u00c4), vollzieht \u2013 in diesem Fall, da\u00df\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">B<\/em>\u00a0glaubt, da\u00df\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">A<\/em>glaubt,\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">p<\/em>\u00a0sei der Fall. Man k\u00f6nnte das auch mit dem Fehlen des Behauptungscharakters der \u00c4u\u00dferung \u00c4(<em style=\"font-weight: inherit;\">W<\/em>) ausdr\u00fccken \u2013 mit Befehlen zum Beispiel lie\u00dfe sich dann nicht l\u00fcgen. Ich brauche hier nicht n\u00e4her auf die Relationierung der T\u00e4uschungsabsicht und der \u00c4u\u00dferung \u00c4(<em style=\"font-weight: inherit;\">A<\/em>,\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">W<\/em>) einzugehen. Sie kann dem \u00c4u\u00dferungsakt vorausgehen oder auch ihm gleichzeitig sein, und in vielen F\u00e4llen gibt es nicht die M\u00f6glichkeit nachtr\u00e4glicher T\u00e4uschungsabsichten. Doch bei einigen Sprechakten ist das der Fall: etwa bei dem des Versprechens, das man mit dem Vorsatz es zu brechen geben kann, oder es einzuhalten, und man sp\u00e4ter seine Ansichten hierzu \u00e4ndert. Ich will auch nicht darauf eingehen, inwiefern die Absicht, ein Versprechen zu brechen, wenn sie nicht verwirklicht wird, bereits eine T\u00e4uschung darstellt. Allgemein gesagt, liegt die M\u00f6glichkeit nachtr\u00e4glicher T\u00e4uschungsabsichten bei solchen Sprechakte vor, bei denen ihr Gelingen Prognosen \u00fcber das Verhalten desjenigen einschlie\u00dft, der sie \u00e4u\u00dfert.<\/p>\n<p style=\"color: #333333;\">Der Adressat\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">B<\/em>\u00a0ist f\u00fcr die Bestimmung des Sprechaktes des L\u00fcgens deshalb erforderlich, da L\u00fcgen immer ein\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">Bel\u00fcgen<\/em>\u00a0ist. Wenn von einem ,inneren L\u00fcgen\u2019, dem\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">mendacium internum<\/em>\u00a0im Unterschied zum\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">mendacium externum<\/em>, dem ,Selbstt\u00e4uschen\u2019, oder dergleichen die Rede ist, so scheint\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">A<\/em>=<em style=\"font-weight: inherit;\">B\u00a0<\/em>gegeben zu sein. Ohne an dieser Stelle auf Konzepte der Selbstt\u00e4uschung n\u00e4her einzugehen zu k\u00f6nnen: Sollen Paradoxien vermieden werden, die bei der Anwendung dieser Bestimmung des L\u00fcgens entstehen, wenn\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">A<\/em>=<em style=\"font-weight: inherit;\">B<\/em>\u00a0gilt, muss bei einem ,inneren Bel\u00fcgen\u2019 eine Teilung von\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">A<\/em>\u00a0zumindest in zwei in irgendeiner Weise unterschiedenen Teile\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">A<\/em>a und\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">A<\/em>b angenommen werden. Als letztes Bestimmungsst\u00fcck kommt noch der Zweck Z des L\u00fcgens hinzu, der oftmals, wenn auch nicht immer, durch die Umst\u00e4nde C bestimmt ist. Nun k\u00f6nnte die Betonung der T\u00e4uschungsabsicht (<em style=\"font-weight: inherit;\">voluntas<\/em>\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">fallendi<\/em>) misstrauisch gegen\u00fcber dieser Bestimmung des L\u00fcgens machen und zu pr\u00fcfen Anlass geben, inwieweit das intentionale Bestimmungsst\u00fcck f\u00fcr das L\u00fcgen immer als zwingend erforderlich angesehen wurde, ob es mithin auch entfallen kann oder es sich durch ein nichtintentionales ersetzen l\u00e4sst. Nun r\u00fchren die Probleme, die das 17. oder 18. Jahrhundert mit Intentionen hatte, weniger aus Bedenken ob ihres ontologischen Status, sondern aus der Frage ihrer Erkennbarkeit, also ihrer Zug\u00e4nglichkeit. Es besteht dabei die zeitliche Parallelit\u00e4t zweier Formulierungsvarianten bei der Charakterisierung der L\u00fcge: Die eine ber\u00fccksichtigt explizit die T\u00e4uschungsabsicht,\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">enuntiatio falsa cum intentione fallendi<\/em>, und ebenso explizit verzichtet die andere darauf. Bei Augustinus finden sich zwar beide Formeln, doch favorisiert er wohl die Variante mit expliziter Angabe der T\u00e4uschungsabsicht. Die Bestimmung von\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">mendacium<\/em>\u00a0als\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">falsa vocis significatio intentione fallendi<\/em>\u00a0steht dann die von\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">mentiri<\/em>\u00a0als\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">contra mentem loqui<\/em>gegen\u00fcber. Hebt die erste Bestimmung wesentlich auf die T\u00e4uschungsabsicht IT ab, sind es bei der zweiten Vi(<em style=\"font-weight: inherit;\">W<\/em>) und A\u00e4(<em style=\"font-weight: inherit;\">W<\/em>).<\/p>\n<p style=\"color: #333333;\">Zu zeigen gilt es, wie sich diese ausnahmslose Geltung, die das 17. Jahrhundert erbt, sich begr\u00fcndet und wie sich vor diesem Hintergrund der spektakul\u00e4re Versuch verstehen l\u00e4sst, diese Ausnahmslosigkeit im Zuge der Aufgabe des Herzst\u00fccks seiner herk\u00f6mmlichen Begr\u00fcndung mittels christlicher Theoreme einzuschr\u00e4nken. Grundlegend ist dabei das Argumentationsmuster, mit dem die Uneingeschr\u00e4nkheit des L\u00fcgeverbots aus dem Verh\u00e4ltnis des Menschen zu Gott begr\u00fcndet wird. Der Verzicht auf genau dieses Argumentationsmuster ist es, der bei den scheinbar geringf\u00fcgigen Ver\u00e4nderungen in der Bestimmung des L\u00fcgens und in der Begr\u00fcndung des L\u00fcgeverbots bei Hugo Grotius seine radikale Abkehr von der traditionellen Auffassung beleuchtet. Freilich beseitigt seine \u2013 wenn man so will \u2013 ,Sozialisierung\u2019 der L\u00fcge und die damit korrespondierende Vergesellschaftung der Aufrichtigkeit nicht alle Schwierigkeiten der traditionellen Auffassung, sie erzeugt vielmehr neue Probleme, die bis hin zu Kants vehementen Eintreten f\u00fcr ein striktes L\u00fcgeverbot virulent bleiben.<\/p>\n<p style=\"color: #333333;\">Das zweite wichtige Moment betrifft die\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">Reichweite<\/em>\u00a0der Ausnahmslosigkeit des L\u00fcgeverbots; denn im 17. Jahrhundert hat man hinsichtlich der Aufrichtigkeit und Unaufrichtigkeit einen wesentlichen Unterschied zwischen\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">dissimulatio<\/em>\u00a0und<em style=\"font-weight: inherit;\">simulatio<\/em>\u00a0gesehen, der sp\u00e4ter oftmals nicht mehr geteilt wurde \u2013 zwischen<em style=\"font-weight: inherit;\">dissimulatio<\/em>\u00a0und\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">simulatio<\/em>\u00a0vermochte man einen Unterschied zu sehen, der hinreichte, um beide moralisch unterschiedlich zu werten: Man sah ihn zwischen (aktivem) Handeln (Vorspiegeln) und Unterlassen (Verbergen). Das letzte impliziere keinen Akt (<em style=\"font-weight: inherit;\">absque<\/em>\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">omni<\/em>\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">actu<\/em>) und stelle nur eine\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">simplex negatio<\/em>\u00a0dar, das erste sei hingegen eine ,\u00dcbertretung\u2019 (<em style=\"font-weight: inherit;\">transgressio)<\/em>.<\/p>\n<p style=\"color: #333333;\">In der Regel wird die\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">dissimulatio<\/em>\u00a0als etwas gesehen, das einen Mangel ausgleichen soll.\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">Zum einen<\/em>\u00a0ist das ein Mangel an\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">Vertrauen<\/em>, den es zugleich zu verbergen gilt. Aufgrund der (Lebens-)Klugheit besteht nicht nur nicht die Pflicht der Selbstpreisgabe. Auch ist es dem N\u00e4chsten gegen\u00fcber keine Pflicht, ihn im Blick auf das eigene Wissen gleichzustellen. In den Situationen offenkundig unberechtigten Begehrens eines bestimmten Wissens sei das Verbergen nicht nur nicht verwerflich, sondern das gebiete die Klugheit. Die L\u00fcge verf\u00e4llt demnach auch nicht aufgrund des Gebots der Offenlegung des eigenen Wissens moralischer \u00c4chtung \u2013 mehr noch: dass eine solche Pflicht nicht besteht, schafft erst die Voraussetzungen f\u00fcr den\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">Erfolg<\/em>\u00a0des L\u00fcgens. Bei optimalem Wissen kann es zwar ein L\u00fcgen geben, aber keines, das Erfolg hat: Gott kann nicht erfolgreich belogen werden; ihm gegen\u00fcber kann man aber die S\u00fcnde des L\u00fcgens begehen \u2013 erst Letzteres rechtfertigt die Striktheit des L\u00fcgeverbots.\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">Zum anderen<\/em>\u00a0kann die<em style=\"font-weight: inherit;\">dissimulatio<\/em>\u00a0als Kompensation eines\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">kognitiven Mangels<\/em>\u00a0erscheinen.<\/p>\n<p style=\"color: #333333;\">In beiden Situationen, dem des T\u00e4uschens wie des Entlarvens, h\u00e4ngen ihre Erfolgsaussichten an einem speziellen Wissen, das sich wesentlich durch die F\u00e4higkeit des Unterscheidens erzeugt. Nicht der Charakter eines Sprechaktes selbst als L\u00fcge, sondern seine Erfolgsaussichten h\u00e4ngen mit dem (Unterscheidungs-)Wissen (<em style=\"font-weight: inherit;\">discretio<\/em>) desjenigen zusammen, an den sich die \u00c4u\u00dferung richtet. Das nun ist gleichbedeutend damit, dass man den Sprechakt ,richtig\u2019 versteht. Versteht man ihn richtig, und zwar\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">contra intentionem<\/em>\u00a0richtig, dann ist die T\u00e4uschungsabsicht wirkungslos, weil durchsichtig (auch wenn so getan werden kann, als sei die Absicht nicht erkannt). Graci\u00e1n bringt das auf den Punkt:\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">Erst sei man Herr \u00fcber sich<\/em>\u00a0\u2013 und das meint nicht nur Selbstkontrolle, sondern auch Wissen zur Selbsterkenntnis \u2013,\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">so wird man es nachher \u00fcber andere sein<\/em>.<\/p>\n<p style=\"color: #333333;\">Das wiederkehrende Motto und die Botschaft ist pr\u00e4gnant genug: Viel Kopf ist erfordert, um den fremden auszumessen. Es geht bei Graci\u00e1n immer wieder um das Erlernen der Kunst des Chiffrierens (<em style=\"font-weight: inherit;\">cifra<\/em>), also des Zeichensetzens f\u00fcr das raffinierte Verstellen und die Verr\u00e4tselung der eigenen Absichten, wie um die Kunst des Dechiffrierens (<em style=\"font-weight: inherit;\">contracifra de intentiones<\/em>,\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">descifrar; arte de descifrar<\/em>), also das kunstvolle Aufdecken des Trugs durch das Erkennen der Zeichen der verstellten Intention:\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">man lerne ein Gesicht entziffern und aus den Z\u00fcgen die Seele herauszubuchstabieren<\/em>. Das gr\u00f6\u00dfte aber sei, wenn zwei M\u00e4nner mit solchen F\u00e4higkeiten aufeinander treffen, mit gleichen ,Waffen der Aufmerksamkeit und des Durchblicks\u2019 (<em style=\"font-weight: inherit;\">con aramas iguales de atenci\u00f3n y<\/em>\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">de reparao<\/em>) beim gegenseitigen T\u00e4uschen und Entlarven. Sie betreiben die\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">Anatomie<\/em>\u00a0des Geistes, die Pr\u00fcfung des Verstandes. Das, was hier beschrieben wird, ist im Verst\u00e4ndnis der Zeit nichts anderes als das Erzeugen subtilen (wissenschaftlichen) Wissens. Dabei bleibt ein solches Wissen nicht auf das beschr\u00e4nkt, was man passiv oder durch teilnahmslose Erkundungen erlangt, sondern es wird auch aktiv gewonnen, gleichsam im Experiment, indem man dem zu Erkennenden (metaphorisch) \u201eDaumenschrauben\u201c ansetzt und ihm etwas entlockt, was verborgen bleiben sollte. Die Kunst des Verbergens sieht Graci\u00e1n in einer Wechselbeziehung zur Kunst des Entbergens, und vom Umfang des Wissens h\u00e4ngt es ab, ob man gleicherma\u00dfen undurchschaubar wird, wie man die anderen zu durchschauen vermag und beides steigert sich im Wechselspiel.<\/p>\n<p style=\"color: #333333;\">Eine \u00c4hnlichkeit zu gleichzeitigen Vorstellungen der Erzeugung und Darstellung von Wissen bildet den Ausgangspunkt des hier verfolgten Interesses an Versuchen, die Striktheit des L\u00fcgeverbots in der einen oder anderen Weise einzuschr\u00e4nken. Das verbindet sich dann mit dem hermeneutische Aspekt der Erfolgsaussichten der Unaufrichtigkeit: Das Falschsagen wird zwar erst durch die es begleitende T\u00e4uschungsabsicht (<em style=\"font-weight: inherit;\">intentio<\/em>\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">fallendi<\/em>) zur im menschlichen Verkehr moralisch verwerflichen L\u00fcge, aber der Erfolg des l\u00fcgenden Sprechaktes erf\u00fcllt sich erst im Zuge des Verstehens der entsprechenden \u00c4u\u00dferung und das hei\u00dft auch, da\u00df dieser Erfolg davon abh\u00e4ngt, inwieweit es<em style=\"font-weight: inherit;\">nicht<\/em>\u00a0gelingt, die betreffende \u00c4u\u00dferung\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">contra intentionem<\/em>\u00a0mit Blick auf den \u00c4u\u00dfernden (richtig) zu verstehen oder ,zu durchschauen\u2019. Aus hermeneutischer Perspektive, wenn auch nur aus ihr, verringern sich (zun\u00e4chst) die Unterschiede zwischen uneigentlichem \u2013 metaphorischem, allegorischem, ironischem oder verh\u00fcllendem \u2013 Sprechen und dem L\u00fcgen. In allen F\u00e4llen sind hermeneutische Operationen erforderlich: eine ver\u00e4nderte Bestimmung des Status einer Rede (eines Textes), ein Bedeutungs\u00fcbergang oder beides.<\/p>\n<p style=\"color: #333333;\">Die \u00fcbergreifende \u00c4hnlichkeit liegt in einem gemeinsamen Problem der<em style=\"font-weight: inherit;\">Zug\u00e4nglichkeit<\/em>: zu einem Wissen, das im Rahmen der sich im 17. Jahrhundert ausbildenden Vorstellungen der Wissenserzeugung und des Wissenserwerbs sich konfiguriert, wie zu den f\u00fcr die Aufrichtigkeit und Unaufrichtigkeit ausschlaggebenden Intentionen der Akteure. Grob angedeutet verl\u00e4uft die Entwicklung im 17. Jahrhundert so: Zun\u00e4chst geht es um das Sichtbarmachen oder Sichtbarhalten von etwas, dann um das Erkennen eines \u00c4u\u00dferen bei verborgenem Inneren, schlie\u00dflich um den (partiellen) Verzicht, das Verborgene zu erkennen, indem man seine Existenz zwar nicht bestreitet, aber sein Erkennen f\u00fcr bestimmte zwischenmenschliche Vollz\u00fcge entbehrlich wird. Die Frage nach der Zug\u00e4nglichkeit des Wissens wie nach der der Intentionen zielt dabei auf ein einziges Problem: das Vertrauen in das menschliche Zeugnis.<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold; font-style: inherit; color: #666666;\"><em style=\"font-weight: inherit;\">Verkn\u00fcpfungen<\/em><\/span><\/p>\n<ul style=\"color: #333333;\">\n<li style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><a style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit; color: #333333;\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=407\">Hermeneutische Wahrscheinlichkeit in der Fr\u00fchen Neuzeit<\/a><\/li>\n<li style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><a style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit; color: #333333;\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=321\">Kontrafaktische Imaginationen in der Wissensgeschichte<\/a><\/li>\n<li style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><a style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit; color: #333333;\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=320\">Darstellungsformen der Vermittlung wissenschaftlicher Wissensanspr\u00fcche<\/a><\/li>\n<li style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><a href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=1420\">Theorien der Fiktionalit\u00e4t<\/a><\/li>\n<li style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><a style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit; color: #333333;\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=43\"><em style=\"font-weight: inherit;\">Auctoritas<\/em>\u00a0und\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">Testimonium<\/em>: Epistemologien der Glaubw\u00fcrdigkeit und des Vertrauens<\/a><\/li>\n<li style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><a href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=54\">Theorie esoterischer Kommunikation<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"color: #333333;\"><span style=\"font-weight: bold; font-style: inherit; color: #666666;\"><em style=\"font-weight: inherit;\">Vorarbeiten<\/em><\/span><\/p>\n<ol style=\"color: #333333;\">\n<li style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Lutz Danneberg, <a href=\"https:\/\/fheh.org\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/AufrichigkeitkorrBBB.pdf\">Aufrichtigkeit<\/a>\u00a0und Verstellung im 17. Jahrhundert:<em style=\"font-weight: inherit;\">dissimulatio<\/em>,\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">simulatio<\/em>\u00a0sowie das L\u00fcgen als\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">debitum<\/em>\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">morale<\/em>\u00a0und\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">sociale<\/em>. In: Claudia Benthien und Steffen Martus (Hg.), Die Kunst der Aufrichtigkeit im 17. Jahrhundert. T\u00fcbingen 2006, S. 45-92 (wesentlich erweiterte Fassung, Version 24.03.2017)<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"color: #333333;\"><span style=\"font-weight: bold; font-style: inherit; color: #666666;\">Kontakt:<\/span>\u00a0<a style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit; color: #333333;\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=2237\">Lutz Danneberg<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bearbeitung: Lutz Danneberg Im Blick auf die Aufrichtigkeit als einer der traditionellen Verhaltesnerwartungen ist im 17. Jahrhundert vieles in Wandlung begriffen Nicht zu Unrecht hat die\u00a0eloquentia corporis\u00a0mit\u00a0simulatio\u00a0und\u00a0dissimulatio\u00a0in besonderen sozialen R\u00e4umen menschlichen Umgangs \u2013 etwa h\u00f6fischen Gesellschaften \u2013 besondere Aufmerksamkeit gefunden. Gleiches gilt f\u00fcr zwei Werke, die immer wieder die Er\u00f6rterung von Unaufrichtigkeit und Verstellung im [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":36,"menu_order":6,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/fheh.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/411"}],"collection":[{"href":"https:\/\/fheh.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/fheh.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/fheh.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/fheh.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=411"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/fheh.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/411\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3183,"href":"https:\/\/fheh.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/411\/revisions\/3183"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/fheh.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/36"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/fheh.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=411"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}