{"id":327,"date":"2015-01-04T15:21:33","date_gmt":"2015-01-04T14:21:33","guid":{"rendered":"http:\/\/serverle.ilw.uni-stuttgart.de\/fheh\/?page_id=327"},"modified":"2015-01-04T15:21:33","modified_gmt":"2015-01-04T14:21:33","slug":"weltanschauungsliteratur-1860-1940-wissen-textstrukturen-kontexte","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/fheh.org\/?page_id=327","title":{"rendered":"Weltanschauungsliteratur 1860\u20131940. Wissen, Textstrukturen, Kontexte"},"content":{"rendered":"<div class=\"entry-content\" style=\"color: #333333;\">\n<p class=\"western\" style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: bold; font-style: inherit; color: #666666;\">Bearbeitung: Andrea Albrecht, Lutz Danneberg, Olav Kr\u00e4mer<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Texte der \u201aWeltanschauungsliteratur\u2018 sind nach Horst Thom\u00e9s Bestimmung Texte, \u201edie den expliziten Anspruch erheben, die \u201aWeltanschauung\u2018 des Verfassers argumentativ darzustellen\u201c. Typischerweise verbinden sie dabei \u201ebreite Darlegungen wissenschaftlicher Ergebnisse mit waghalsigen Hypothesen, metaphysischen Theoriefragmenten, autobiographischen Mitteilungen, pers\u00f6nlichen Glaubensbekenntnissen, ethischen Handlungsanweisungen, zeitpolitischen Diagnosen und gesellschaftlichen Ordnungsmodellen\u201c (Thom\u00e9 2002a, S. 338). Weltanschauungsliteratur in diesem Sinne wurde in Deutschland zwischen ca. 1860 und 1940 in gro\u00dfem Umfang produziert und breit rezipiert. Nicht wenige Werke dieses Typs avancierten zu Bestsellern (Wilhelm B\u00f6lsche, Ernst Haeckel, Oswald Spengler u.a.).<\/span><br \/>\n<span id=\"more-235\" style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><\/span><br \/>\n<span style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Thom\u00e9 hat seine einschl\u00e4gigen Untersuchungen ausdr\u00fccklich als \u201eVor\u00fcberlegungen\u201c, als erste Ann\u00e4herungen an einen komplexen Ph\u00e4nomenbereich pr\u00e4sentiert. Seine Vorschl\u00e4ge sind daher notgedrungen skizzenhaft und gro\u00dffl\u00e4chig formuliert; die Beobachtungen zur charakteristischen Textorganisation st\u00fctzen sich auf Analysen einer kleinen Zahl von Weltanschauungstexten und beziehen nur am Rande auch formale Merkmale (z.B. Schreibverfahren, Rhetorik, \u00e4u\u00dfere Textgestalt, Zitationspraxis) mit in die Charakterisierung der Textsorte ein. Entscheidende Aspekte des weitl\u00e4ufigen Gegenstands, die eine eingehende Betrachtung verdienen, sind somit von der Forschung bislang nur ansatzweise thematisiert worden. Dies gilt bereits f\u00fcr die begriffshistorische und systematische Konturierung (vgl. M\u00fcller 2010; Thom\u00e9 2004; Stock\/Moxter u.a. 2003) des in der Zeit des Deutschen Idealismus in Mode kommenden Kompositums \u201eWeltanschauung\u201c und seines Verh\u00e4ltnisses zu konkurrierenden Ausdr\u00fccken wie \u201eWeltbild\u201c und \u201eWeltauffassung\u201c, aber auch \u201ePhilosophie\u201c (vgl. Eisler 1904, S. 720) und \u201eIdeologie\u201c. Ist \u201eWeltanschauung\u201c eher eine Fremd- oder eine Selbstzuschreibung? Sind Totalisierungs- oder Pluralisierungserwartungen mit dem Ausdruck verkn\u00fcpft? Die Darstellungen von Wilhelm Dilthey, Karl Jaspers, Karl Mannheim, Max Scheler und anderen, in denen \u201eWeltanschauungen\u201c typologisiert und in philosophischer Hinsicht systematisiert werden, k\u00f6nnen hier Aufschluss geben, m\u00fcssen sich in ihren begrifflichen Festlegungen aber nicht mit der weltanschauungsliterarischen Ausrichtung decken. F\u00fcr diese \u201aPraxis\u2018 ist zu fragen, wie Weltanschauungsliteratur und zeitgen\u00f6ssische \u201asch\u00f6ne Literatur\u2018 (etwa Roman und Epos) sich gegenseitig beeinflussen, wie sich das seit etwa 1900 bestehende Nebeneinander von Weltanschauungsliteratur und Weltanschauungsforschung sowie die \u00dcberschneidungen zwischen ihnen gestalten und wie sich die Beziehungen zwischen weltanschauungsliterarischen und popul\u00e4r- (vgl. Daum 2002; Schwarz 1999; Wolfschmidt 2000) oder auch pseudowissenschaftlichen Schriften (vgl. Butts 1993; Rupnow et al. 2008) charakterisieren lassen. In welchem Verh\u00e4ltnis steht die Weltanschauungsliteratur zu den um wissenschaftliche Anerkennung ringenden \u201aUniversaltheorien\u2018 wie zum Beispiel dem Monismus, der Welteislehre, dem Energetismus oder der Astrologie? Welche historischen Verlaufsformen lassen sich hier erkennen, welche Parallelentwicklungen oder auch Vor- und Nachzeitigkeiten von Wissenschaft und Weltanschauung sind detektierbar? Zu ber\u00fccksichtigen ist generell, dass sich der universalistische Erkl\u00e4rungs- und Geltungsanspruch sowohl auf die \u201aWelt\u2018 als auch auf die Tr\u00e4ger der Weltanschauung beziehen kann; die Tr\u00e4gerschicht kann aber auch partikularisiert werden, so dass schlie\u00dflich gruppenspezifische Weltanschauungen gegeneinander gestellt werden k\u00f6nnen. Im Unterschied zu Ideologien, die in der Regel gruppengebunden zu sein scheinen, kann sich sogar die Idee individueller Weltanschauungen ausbilden (vgl. z.B. Mauthner 1923).<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Ebenso unzureichend gekl\u00e4rt ist bislang auch das Verh\u00e4ltnis zwischen Weltanschauungsliteratur und Kulturkritik (vgl. Bollenbeck 2007, insbes. S. 208f.; ferner Hein\u00dfen 2003) und die Affinit\u00e4t zur Publizistik der NS-Zeit (vgl. u.a. Becker\/Bongartz (Hg.) 2011). Die sich rechts wie links des politischen Spektrums vollziehende Politisierung des Ausdruck \u201eWeltanschauung\u201c f\u00fchrt in den 1920er und 1930er Jahren zu einem Nebeneinander von pejorativen und affirmativen Begriffsverwendungen. Der Ausdruck \u201eWeltauffassung\u201c, auch \u201ewissenschaftliche Weltauffassung\u201c, wie er im Kontext des Logischen Empirismus gebraucht wird, scheint hingegen weitgehend positiv konnotiert zu sein \u2013 aber auch dies w\u00e4re erst noch eingehender zu pr\u00fcfen. Offen ist auch noch die Frage, ob die Weltanschauungsliteratur ein spezifisch deutsches Ph\u00e4nomen war oder welche vergleichbaren Erscheinungen es in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern gab.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Das Projekt versucht eine repr\u00e4sentative Anzahl von Weltanschauungstexten sowie von Rezeptionsdokumenten aus dem Zeitraum von 1860 bis 1940 systematisch zu erschlie\u00dfen, um auf einer solchen Basis dieses zwar heterogene, aber gleichwohl signifikante Ph\u00e4nomen im Kontext der Moderne zu verorten und hinsichtlich seiner Indikator- und Faktorfunktion f\u00fcr die intellectual history auszuloten.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: bold; font-style: inherit; color: #666666;\">Literaturhinweise<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Manuel Becker, Stephanie Bongartz (Hg.), Die weltanschaulichen Grundlagen des NS-Regimes: Urspr\u00fcnge, Gegenentw\u00fcrfe, Berlin 2011.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Georg Bollenbeck, Eine Geschichte der Kulturkritik: von J.J. Rousseau bis G. Anders, M\u00fcnchen 2007.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Robert E. Butts, Sciences and Pseudosciences. In: John Earman et al. (Hg.), Philosophical Problems of the Internal and External Worlds [\u2026]. Pittsburgh\/Konstanz 1993, S. 163-185.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Andreas Daum, Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert: B\u00fcrgerliche Kultur, naturwissenschaftliche Bildung und die deutsche \u00d6ffentlichkeit, 1848-1914, 2., erg. Aufl. M\u00fcnchen 2002.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Rudolf Eisler, Art. \u201eWeltanschauung\u201c, in: W\u00f6rterbuch der philosophischen Begriffe, 2. Aufl. Berlin 1904, S. 720.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Johannes Hein\u00dfen, Historismus und Kulturkritik. Studien zur deutschen Geschichtskultur im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert, G\u00f6ttingen 2003.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Fritz Mauthner, Art. \u201eWeltanschauung\u201c, in: W\u00f6rterbuch der Philosophie. Leipzig, 2. Aufl. 1923, Band 3, S. 429-431.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Arnulf M\u00fcller, Weltanschauung \u2013 eine Herausforderung f\u00fcr Martin Heideggers Philosophiebegriff, Stuttgart 2010.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Dirk Rupnow et al. (Hg.), Pseudowissenschaft. Konzeptionen von Nichtwissenschaftlichkeit in der Wissenschaftsgeschichte, Frankfurt am Main 2008.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Angela Schwarz, Der Schl\u00fcssel zur modernen Welt. Wissenschaftspopularisierung in Gro\u00dfbritannien und Deutschland im \u00dcbergang der Moderne (1870-1914), Stuttgart 1999.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Konrad Stock, Michael Moxter u.a.: Art. Welt\/Weltanschauung\/Weltbild. In: Theologische Realenzyklop\u00e4die 35, Berlin 2003, S. 536-611.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Horst Thom\u00e9, Weltanschauungsliteratur. Vor\u00fcberlegungen zu Funktion und Texttyp. In: Wissen in Literatur im 19. Jahrhundert. Hg. von Lutz Danneberg und Friedrich Vollhardt. T\u00fcbingen 2002, S. 338\u2013380 [= Thom\u00e9 2002a].<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Horst Thom\u00e9, Geschichtsspekulation als Weltanschauungsliteratur. Zu Oswald Spenglers Der Untergang des Abendlandes. In: Literatur und Wissen(schaften) 1890-1935. Hg. v. Michael Titzmann und Christine Maillard, Stuttgart 2002, S. 193-212 [= Thom\u00e9 2002b].<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Horst Thom\u00e9, Der Blick auf das Ganze. Zum Ursprung des Konzepts \u201eWeltanschauung\u201c und der Weltanschauungsliteratur. In: Aufkl\u00e4rungen: Zur Literaturgeschichte der Moderne. Hg. v. Werner Frick u. a., T\u00fcbingen 2003, S. 387-401.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Horst Thom\u00e9, Art. \u201eWeltanschauung\u201c, in: Historisches W\u00f6rterbuch der Philosophie, 12. Bd., Basel 2004, Sp. 453-460.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Gudrun Wolfschmidt (Hg.), Popularisierung der Naturwissenschaften, Berlin 2000.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: bold; font-style: inherit; color: #666666;\">Kontakt: Olav Kr\u00e4mer olav.kraemer@germanistik.uni-freiburg.de<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">\n<p class=\"western\" style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">\n<\/div>\n<footer class=\"entry-footer\" style=\"color: rgba(51, 51, 51, 0.701961);\"><span class=\"posted-on\" style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span class=\"screen-reader-text\" style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Ver\u00f6ffentlicht\u00a0<\/span><\/span><\/footer>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bearbeitung: Andrea Albrecht, Lutz Danneberg, Olav Kr\u00e4mer Texte der \u201aWeltanschauungsliteratur\u2018 sind nach Horst Thom\u00e9s Bestimmung Texte, \u201edie den expliziten Anspruch erheben, die \u201aWeltanschauung\u2018 des Verfassers argumentativ darzustellen\u201c. 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