{"id":325,"date":"2015-01-04T15:21:33","date_gmt":"2015-01-04T14:21:33","guid":{"rendered":"http:\/\/serverle.ilw.uni-stuttgart.de\/fheh\/?page_id=325"},"modified":"2023-07-20T12:37:21","modified_gmt":"2023-07-20T10:37:21","slug":"goethe-als-naturwissenschaftler-im-streit-um-den-wissenschaftsbegriff","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/fheh.org\/?page_id=325","title":{"rendered":"Goethe als Naturwissenschaftler im Streit um den Wissenschaftsbegriff"},"content":{"rendered":"<div class=\"entry-content\" style=\"color: #333333;\">\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: bold; font-style: inherit; color: #666666;\">Bearbeitung: Lutz Danneberg, Franziska Bomski, Alexandra Skowronski<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">In diesem Projekt wird erstens untersucht, wie Naturwissenschaftler (gemeinsam mit Philosophen) in den ver\u00e4nderten epistemischen Situationen und Wissenschaftskonstellationen seit dem 19. Jahrhundert Goethes naturwissenschaftliches Werk \u2013 sei es emphatisch, sei es mehr oder weniger kritisch oder sogar strikt ablehnend \u2013 wahrgenommen haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Zweitens geht es um spezifische Z\u00fcge der immer kontroversen Diskussion sowie der Instrumentalisierung seiner naturwissenschaftlichen und wissenschaftsphilosophischen Ansichten, und zwar im Zuge seiner nationalen Autorisierung als Grundlage, um darauf in seinem Namen ein anhaltendes<em style=\"font-weight: inherit;\">argumentum ab auctoritate<\/em>\u00a0zu begr\u00fcnden. Dabei entsteht gleichsam ein Einheitssymbol, das die Kluft zwischen den sog. ,zwei Kulturen\u2019 zu \u00fcberwinden verspricht. Durch spezielle Mittel der Darstellung, etwa der Verkn\u00fcpfung seiner Biographie mit seiner Wissenschaft, gewinnt Goethe eine \u00fcberragende kulturelle Ausstrahlung, die in allen Bereichen eine Autorit\u00e4tsentlehnung (das ,passende\u2019 Goethe-Zitat) erlaubt und gleicherma\u00dfen zug\u00e4nglich ist f\u00fcr die widerstreitendsten Ansichten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Drittens geht es um die Versuche, Aspekte eines ,alternativen\u2019 Wissenschaftsbegriffs durch den R\u00fcckgriff auf Goethe als Naturwissenschaftler zu profilieren. So spielte nicht zuletzt Goethes Naturbegriff in der Mechanismus-Kritik vor 1933 sowie in den programmatischen Darlegungen zu einem alternativen Wissenschaftsbegriff der \u201eAnschaulichkeit\u201c \u2013 gegen die \u201eAbstraktion, vor der wir uns f\u00fcrchten\u201c \u2013 nach 1933 eine zentrale Rolle in der Kritik an einem \u201aentwirklichenden\u2019, mechanistisch-materialistischen Rationalismus wie in der Kritik an der experimentierenden ,Zerst\u00fcckelung\u2019 der Wirklichkeit (als ,Folter\u2019 der Natur) und der Entgegensetzung von ,zerst\u00f6render\u2019 Analyse und \u201aganzheitlicher\u2019 Anschauung. In diesem Kontext erscheinen Goethes Morphologie wie seine Farbenlehre als so mit dem ,deutschen Geist\u2019 verflochten, da\u00df dieser sich gleichsam in der Lichtgestalt Goethes wiederzufinden vermochte, gegen den ,t\u00f6tenden\u2019 Rationalismus oder gegen ein kompaktes westeurop\u00e4isches Denken gerichtet, denen man das Wort von der ,lebendigen\u2019 Erkenntnis, wahlweise auch das der ,artgerechten\u2019 Erkenntnis entgegensetzte. In der ver\u00e4nderten politischen Rahmung nach 1933 werden die in den verschiedenen F\u00e4chern ausgetragenen Wissenskonflikte von Versuchen \u00fcberlagert, zu einem radikal ver\u00e4nderten Wissenschaftsverst\u00e4ndnis zu gelangen. Wenn bei diesem Versuch eines ,Paradigmenwechsels\u2019 \u00fcberhaupt inhaltliche \u00dcbereinstimmungen bestehen und sie sich nicht nur der Aufbruchsrhetorik der Zeit und der Anpassung an diffuse Erwartungen verdanken, dann liefert die Trias Gestalt \u2013 Ganzheit \u2013 Organismus, erg\u00e4nzt um die Morphologie, die entscheidenden Stichworte, und zumindest eine personalisierte Gemeinsamkeit lie\u00dfe sich in Goethe sehen: In ihm erheben sich nicht allein die Gegens\u00e4tze zwischen den Disziplinen zu einer ,h\u00f6heren Einheit\u2019, er erscheint als Tr\u00e4ger aller derjenigen Eigenschaften, die der ,neue\u2019 Wissenschaftsbegriff fordert. Erst wieder seit den sp\u00e4ten 1970er Jahren, freilich bei ver\u00e4nderter politischer Rahmung, dient der Nachweis der \u00dcbereinstimmung mit Goethes Ansichten erneut zur Autorisierung wissenschaftstheoretischer oder philosophischer Vorstellungen von ,alternativer\u2019 Wissenschaft.<\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Viertens geht es um die Analyse der Verfahren und Begr\u00fcndungen, mit denen man versucht, in seinen literarischen Werken eine Art\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">sensus<\/em>\u00a0<em style=\"font-weight: inherit;\">naturalis<\/em>aufzudecken und zu plausibilisieren, so wie es gegen Ende des 19. Jahrhunderts bereits von Hermann von Helmholtz unternommen wurde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: bold; font-style: inherit; color: #666666;\"><em style=\"font-weight: inherit;\">Verkn\u00fcpfungen<\/em><\/span><\/p>\n<ul style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">\n<li style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><a style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit; color: #333333;\" title=\"Darstellungsformen der Vermittlung wissenschaftlicher Wissensanspr\u00fcche\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=320\"><span style=\"font-weight: bold; font-style: inherit; color: #666666;\">Darstellungsformen der Vermittlung wissenschaftlicher Wissensanspr\u00fcche<\/span><\/a><\/li>\n<li style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><a style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit; color: #333333;\" title=\"Philosophie- und Wissenschaftsbegriff zwischen 1900 und 1945\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=326\"><span style=\"font-weight: bold; font-style: inherit; color: #666666;\">Der Wissenschaftsbegriff in Deutschland zwischen 1933 und 1945<\/span><\/a><\/li>\n<li style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: bold; font-style: inherit; color: #666666;\">Vorl\u00e4uferschaft, <a title=\"Quelle, Einfluss\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=1573\">Einfluss<\/a>, Tradition<\/span><\/li>\n<li style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><a style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit; color: #333333;\" title=\"Popularisierung von Wissen\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=56\"><span style=\"font-weight: bold; font-style: inherit; color: #666666;\">Popularisierung von Wissen<\/span><\/a><\/li>\n<li style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><a style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit; color: #333333;\" title=\"Intellektuelle Konflikte: Epistemologie und Rhetorik\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=48\"><span style=\"font-weight: bold; font-style: inherit; color: #666666;\">Intellektuelle Konflikte: Epistemologie und Rhetorik<\/span><\/a><\/li>\n<li style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><a title=\"Theoriegeschichte des Ruhms\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=50\"><span style=\"font-weight: bold; font-style: inherit; color: #666666;\">Theoriegeschichte des Ruhms<\/span><\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><em style=\"font-weight: inherit;\">Texte<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Lutz Danneberg, Auswahlbibliographie:\u00a0<a href=\"https:\/\/fheh.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Goethe-V02BBB.pdf\">Goethe und die Naturwissenschaften<\/a>\u00a0\u2013 mit Blick auf die (traditionelle) Philosophie.<\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\">Alexandra Skowronski, Heisenberg und Goethe \u2013 Physik und Dichtung. Strategien naturwissenschaftlicher und bildungsb\u00fcrgerlicher Selbstdarstellung am Beispiel von Werner Heisenbergs Goethe Vortr\u00e4gen (1941 und 1967). In: Scientia Poetica 15 (2011), S. 252-295.<\/p>\n<p style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><span style=\"font-weight: bold; font-style: inherit; color: #666666;\">Kontakt:\u00a0<\/span><a style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit; color: #333333;\" title=\"Danneberg, Lutz\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=2237\">Lutz Danneberg<\/a>,\u00a0<span style=\"font-weight: inherit; font-style: inherit;\"><a title=\"Skowronski, Alexandra\" href=\"https:\/\/fheh.org\/?page_id=2278\">Alexandra Skowronski<\/a><\/span><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bearbeitung: Lutz Danneberg, Franziska Bomski, Alexandra Skowronski In diesem Projekt wird erstens untersucht, wie Naturwissenschaftler (gemeinsam mit Philosophen) in den ver\u00e4nderten epistemischen Situationen und Wissenschaftskonstellationen seit dem 19. 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